Auf der Jagd nach KI-Plagiaten

An der Schule haben wir KI-Spezialisten, zum Beispiel Philippe Wampfler, Deutschlehrer, Uni-Dozent und Autor. In einem Experiment analysiert er vier Texte auf der Jagd nach KI-Plagiaten.

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«Wenn ich herausfinden muss, ob ein Text von KI geschrieben wurde oder nicht, treffe ich zuerst gewisse Hintergrundannahmen dazu, wie KI schreibt und wie Texte aussehen, die nicht mit KI verfasst wurden», so Philippe Wampfler aus der Deutschfachschaft.

Wampfler zählt auf: «Ein „ß“, ein langer Gedankenstrich, viele Abschnitte oder sehr kurze Sätze, die jeweils einen ganzen Absatz bilden. Das sind Dinge, die KI-Textgeneratoren sehr häufig machen und Menschen eher selten. Dann gibt es auch bestimmte Arten von Aufzählungen, eine gewisse Abwechslung im Satzbau oder einen bestimmten Wortschatz, den ich gewissen Leuten schlicht nicht zutraue. Komplett fehlerfreie Texte sind ebenfalls ein Indiz für KI-generierte Texte. Selbstgeschriebene Texte sind teilweise nicht mal abschnittsweise fehlerfrei.»

Ein weiterer Faktor sei die Neutralität der KI. Sie schreibe oft: «Einerseits ist es so, andererseits ist es so» oder: «Man kann das so sehen, aber auch anders.»

Wampfler schaue häufig auch, was eine KI antwortet, wenn er ihr eine bestimmte Anfrage gibt. «Wenn in einem verdächtigen Text genau dasselbe Beispiel auftaucht oder genau dieselbe Formulierung vorkommt, weist das auch auf KI hin.»

KI-Tools nutze er nur, wenn er bereits einen Verdacht auf unbefugte KI-Nutzung habe. Mittlerweile hätten die meisten eingesehen, dass es solche Tests gebe. Am Anfang habe unter Schülerinnen und Schülern eher die Vorstellung geherrscht, dass man nicht herausfinden könne, wenn sie KI einsetzen. Das sei auch eine Zeitlang als Marketing vermittelt worden. Philippe Wampfler fügt an: «Es ist schwieriger, wenn jemand einen eigenen Text schreibt und diesen dann einfach noch einmal zur Korrektur durch KI laufen lässt.»

Philippe Wampfler wird jetzt auf die Probe gestellt. Er analysiert vier Texte, ob KI sie geschrieben hat oder nicht.


Text 1 ist etwas länger:

Es wird erwartet, dass die Windgeschwindigkeit in Vaduz höher und konstanter ist als in Uetikon. Die Messstation in Vaduz liegt in der Nähe des Rheins, dessen breites Flussbett und offene Umgebung weniger Hindernisse für die Luftströmung bieten. Dadurch kann sich der Wind gleichmäßiger entlang des Flusstals bewegen.

Am Standort in Uetikon wird dagegen häufiger Windstille oder schwächerer Wind erwartet. Der Messstandort befindet sich in der Einbuchtung des Zürichsees und zusätzlich in einer bebauten Umgebung, wodurch der Wind teilweise abgeschirmt wird. Gebäude, Bäume und Geländeformen können den Wind bremsen und Turbulenzen erzeugen. Wenn Wind auftritt, ist daher zu erwarten, dass er unregelmäßig und schwankend ist, da Hindernisse die Luftströmung ständig verändern und verwirbeln.

Es wird angenommen, dass die Temperaturen in Uetikon im Durchschnitt etwas höher sind als in Vaduz. Der Zürichsee kann sich tagsüber durch Sonneneinstrahlung erwärmen und speichert Wärme relativ gut. Wasser hat eine hohe Wärmekapazität, wodurch sich die Temperatur nur langsam verändert. Dadurch wirkt der See temperaturausgleichend auf die Umgebung.

Der Rhein hingegen ist ein fließendes Gewässer, dessen Wasser ständig aus anderen Regionen nachströmt. Durch die vorhergesehenen Luftbewegungen werden wärmere oder kühlere Luftmassen über das Wasser transportiert, was die Temperatur schwanken lassen sollte. Das Wasser selbst hat auch weniger Zeit, sich lokal durch Sonneneinstrahlung aufzuwärmen. Deshalb könnte die Umgebungstemperatur in der Nähe des Flusses etwas niedriger sein.


Er nimmt sich nicht lange Zeit, den ersten Text zu lesen, und zieht schnell heraus: «Was ich etwas schräg finde, sind die passiven Formulierungen. Also dieses „es wird …“» Laut Wampfler sei das untypisch für eine KI. «Aber im Text kommt das „ß“ vor.»

Wörter wie zum Beispiel «temperaturausgleichend», «Flusstal» oder auch Formulierungen wie «Gebäude, Bäume und Geländeformen können Turbulenzen erzeugen» führen ihn zu seiner Einschätzung: «Aufgrund dessen würde ich sagen, dass es ein KI-Text ist.»

Die Auflösung: Wampfler hat recht. Der Text wurde mit Stichworten als Vorlage von einer Schülerin vorgegeben und ist durch eine KI geschrieben worden.

Über Text 2 grinst Wampfler und sagt: «Hier kann ich die Maschine fast etwas „ertappen“. Das ist so eine Mischung aus Schülertext und KI-Text. Einige Sachen sind mit KI gemacht, einige ganz eindeutig nicht.»


Text 2:

Noch bevor man den Raum betritt, liegt ein Hauch von geröstetem Kaffee in der Luft. Stimmen mischen sich mit leiser Lounge-Musik, ein gedämpftes Summen durchzieht das offene Coworking-Space «Signature by Regus» am Bahnhofquai in Zürich. An diesem Nachmittag wird hier nicht gearbeitet, sondern ausgestellt - mit Stil. Zwischen Kaviartischen, Kleidungsstücken in sattem Seidenglanz und Spa-Behandlungen treffen Handwerk und Vision aufeinander: bei der Zürich Luxury Shopping Day Ausstellung. Rund neun Marken präsentieren sich im Saal – jede mit einem eigenen Tisch, charakteristisch gestaltet und arrangiert. Zwischen Schönheit, Mode, Kunstwerken und Kulinarik entsteht eine Atmosphäre zwischen Boutique und Galerie. 

Ein weiterer Abschnitt des Textes:

Die Tafeln sind durchnummeriert, mit Namen wie „Identity I“ oder „Identity VI“. Eine Tafel zeigt ein Gesicht in warmem Rot, feine goldene Linien ziehen sich darüber wie Lichtspuren. Eine andere leuchtet in Blau-Gold, die Züge wirken wie aus Metall gegossen. Der Geschmack reicht von Mocca über Passionsfrucht bis Himbeere. Eine Tafel kostet rund 70 Franken – limitiert und vollständig handgemacht. Andrea Strommer erklärt ihre Vision: «Wir wollen, dass man Kunst nicht nur sieht, sondern auch schmeckt.»


«Ich sehe das „ß“ drin. Der Schüler muss nachher gewisse Dinge nochmals selbst angepasst haben. An einzelnen Stellen hat es ungewöhnliche Leerzeichen oder uneinheitliche Anführungszeichen. Das würde KI so nicht machen.»

Wampfler schaut sich den Text ein letztes Mal an und denkt über seine Analyse nach. Er entscheidet: «Die Schülerin oder der Schüler hat einen eigenen Text geschrieben und diesen dann von KI überarbeiten lassen.»

Der Text wurde von einer Schülerin selbst geschrieben, grammatikalisch von KI korrigiert – woher auch das „ß“ stammt.

Beim dritten und vierten Text stach ihm wieder das „ß“ in die Augen. Auch erwähnte er die Nominalisierung, die man vermeiden solle. Ein KI-Text hätte auch eine starke Standardstruktur.

Beim dritten Text ging er von einer Mischung aus Plagiaten, Überarbeitung durch KI und selbstgeschriebenen Abschnitten aus:


Text 3:

Aphasie ist eine Sprachstörung, die durch einen Defekt im Sprachzentrum zu Störungen des Sprachverständnisses oder der Aussprache führt. Aphasie kann verursacht werden, wenn jemand einen Schlaganfall erleidet. Nach einem Schlaganfall leiden ungefähr vierzig Prozent der Betroffenen an Aphasie. Ein Schlaganfall tritt auf, wenn ein Blutgefäß verstopft wird und das Gehirn einen Mangel an Blut und Sauerstoff erleidet. Der Bereich des Sprachzentrums, der beschädigt wird, hängt mit der Art der Aphasie zusammen. Zum Beispiel führt eine Schädigung des Broca-Bereichs zu Broca-Aphasie. Aber es gibt Lösungen wie andere Kommunikationsmöglichkeiten, und die meisten Arten von Aphasie können grundsätzlich durch Logopädie behandelt werden.


Der Text wurde von einem Schüler selbst geschrieben, die Orthographie ging jedoch durch KI.

Das Lesen des letzten Textes dauerte keine Minute, da wusste er sofort, dass er von einem Schüler geschrieben wurde. Es stach die Meinung des Schülers heraus, die eine KI so nicht bilden könnte. Dazu kam ein kleiner Rechtschreibfehler und humane Redensweisen wie «indem er "das Sagen" hat»:


Text 4:

Helmer wird im Film als Patriarch durch bestimmte Merkmale dargestellt. Er positioniert sich hierarchisch über den anderen, indem er „das Sagen“ hat. Er bestimmt, was man tun darf und was nicht, und die Entscheidungen laufen fast immer zentral über ihn. Man kann dies auch aus der Szenenkomposition ableiten, denn Helmers Zimmer befindet sich ganz oben. Somit wird seine hierarchische Stellung im Lebensraum symbolisch dargestellt.

Ausserdem hält er Nora für etwas naiv oder unfähig, zum Beispiel sagt er, sie könne nicht mit Geld umgehen oder sie habe keine guten Eigenschaften von ihrem Vater geerbt. Dadurch sieht er sich selbst in einer Führungsrolle.

Auch das Geld besitzt er, was ihm zusätzlichen Spielraum für Kontrolle und Regeln gibt. Dies vermittelt dem Zuschauer ein traditionelles Rollen und Familienbild, was auch zentral für das Patriarchat ist, also die Tradition.


Sein Verdacht stimmte.

Zur Auswertung könnte man sagen: Wampfler hat 75 Prozent der Texte richtig analysiert. Angst vor dem Ertapptwerden ist also nicht unbegründet. Das Herausreden würde mit der Aussage «KI hat meine Texte stilistisch angepasst» trotzdem noch einigermassen funktionieren.

Denise Rehman, 5b