Schule als Suche nach neuen Lebensformen

Warum die Schule vieles, was wichtig wäre, systematisch ausblendet. Gedanken zum Jahresauftakt im aktuellen Wochenbrief.

«Unsere Kultur ist ein riesiges Gewebe, in dem sich die unterschiedlichsten Elemente vermischt haben… Es ist sinnlos, in solch einem Gewebe nach einem Faden zu suchen, der rein und ursprünglich geblieben ist und auf den nicht ein benachbarter Faden abgefärbt hat.» Dieses Zitat von James Joyce, der hier 1907 von Irland spricht, hat Josephine Quinn ihrem Buch Der Westen vorangestellt. Sie ist Professorin für Alte Geschichte und lehrt in Cambridge. Der Originaltitel How the World Made the West (2024) verweist auf Quinns Grundgedanken: Den «Westen» gibt es nicht. Die Idee einer «westlichen Zivilisation, die durch Demokratie und Kapitalismus, Freiheit und Toleranz, Fortschritt und Wissenschaft charakterisiert» ist und deren Herz Griechenland und Rom wären, gehört zwar zu einem verbreiteten Selbstverständnis, sie stellt die Geschichte aber völlig falsch dar. Entsprechend geht Quinn den vielfältigen Kontakten und Verschmelzungen nach und untersucht ein dichtes Gewebe von Fäden aus den unterschiedlichsten Weltgegenden. Sie hebt dabei das Verbindende und den Austausch hervor. Das «Denken in Kulturen», das civilisational thinking, das sich in den letzten 200 Jahren herausgebildet habe, hält sie für falsch. Und vor allem auch für gefährlich, denn es trennt. «Es ist Zeit, neue Wege zu finden, unsere gemeinsame Welt zu strukturieren» (503).

Unabhängig davon, ob man diesen Thesen letztlich folgen will, ist es erhellend, durch Quinns Brille einen Blick auf die Schule zu werfen. Damit rücken zunächst einzelne Fachinhalt in ein anderes Licht. So muss man, um nur ein Beispiel zu nennen, den «Satz des Pythagoras» jetzt auch als babylonische, indische und chinesische Errungenschaften sehen lernen. Aus Unterrichtsbesuchen weiss ich, dass Lehrpersonen auf solche Zusammenhänge hinweisen. Vielleicht könnte es trotzdem ein guter Vorsatz für den Unterricht im neuen Jahr sein, solche Blickwechsel möglichst oft vorzunehmen und immer wieder aufzuzeigen, wie die Fäden der kulturellen Gewebe gegenseitig aufeinander abfärben.

Allerdings werden solche punktuellen Korrekturen unseres westlichen Selbstverständnisses das Grundnarrativ kaum in Frage stellen können. Und zwar wegen eines zweiten Aspekts, unter dem Quinns Sichtweise aufschlussreich ist. Unsere Schule als Institution ist aufs Engste mit der westlichen Lebensform verwoben. Kein Wunder, schliesslich bildet sie die Schüler:innen ja für diese unsere Gesellschaft aus und soll damit deren Weiterbestehen sicherstellen. Wie auch immer die politischen und weltanschaulichen Differenzen sein mögen, die in der Schule verhandelt und gelebt werden: Das Bildungssystem hat zu dieser Lebensform ein letztlich bejahendes Verhältnis. Die Schule lehrt nicht nur Inhalte, sondern sozialisiert die ihr anvertrauten jungen Menschen in diese Lebensform hinein.

Das konnte so lange als Problem vernachlässigt werden, wie man von der Fortsetzbarkeit dieser Lebensform ausging. Zeichnet sich aber deren mögliches Ende ab, wäre die Schule auf ganz neue Weise gefragt. Der an der ETH lehrende Philosoph Michael Hampe diagnostiziert die Situation in seinem Büchlein Krise der Aufklärung (2025) wie folgt: «Der Eindruck, dass die ökologischen, politischen und moralischen Schäden derart gigantisch und irreversibel sind, dass es mit einer Anpassung oder Modifizierung nicht mehr getan ist, sondern ’wir’ eine neue Lebensform finden müssen, ist nicht so leicht von der Hand zu weisen» (190). Für Hampe könnte die Schule bei dieser Suche eine führende Rolle übernehmen und zu einem «Versuchslabor für neue Lebensformen» (192) werden. Ein zweiter Vorsatz im neuen Jahr könnte deshalb sein, den Unterricht ein wenig zu einem solchen Versuchslabor zu machen.

Wir Erwachsene (vor allem Eltern), so Hampe, müssten allerdings bereit sein, die Kinder ein anderes Leben ausprobieren zu lassen, ein anderes als dasjenige, was wir selbst führen. Wahrscheinlich ist das alles etwas viel verlangt… Aber wann, wenn nicht zum Neujahrsauftakt, wäre die Gelegenheit, solche grundsätzlichen Fragen aufzuwerfen? Ich wünsche allen im neuen Jahr die Neugier, ihnen nachzugehen.

Jürg Berthold

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