Letzte Woche fanden die Maturaarbeitspräsentationen statt, übernächste Woche werden am traditionellen Prämierungsanlass zehn herausragende Arbeiten gewürdigt und drei ausgezeichnet, auch im Hinblick auf die spätere kantonale Prämierung. Die aktuelle Ausstellung der Arbeiten soll den nachfolgenden Jahrgang zu eigenen Projekten inspirieren.
Die Maturitätsarbeit gibt es nun gut 25 Jahre. Sie wurde im Zusammenhang mit der Maturitätsreform 1995 neu eingeführt und war ab 2001 für alle Gymnasien der Schweiz verbindlich. Sie war eine der Kerninnovationen der MAR 95. Im Evaluationsbericht von 2008 finden sich Aussagen, die auch heute noch interessant sind. So wird aufgezählt, welche Arten von Arbeiten in der ersten Phase der Umsetzung vorkamen. In der noch in den nächsten drei Jahren verbindlichen MAR 95 werden nämlich keine Aussagen zur inhaltlichen Ausrichtung gemacht, auch nicht zu deren Form. Da heisst es (S. 286): «Die Studie von Pagnossin et al. (2005) gibt jedoch erste Hinweise aus der Praxis. Es lassen sich demnach fünf grundsätzliche Typen von Maturaarbeiten unterscheiden: theoretische Arbeiten (41%), empirische Arbeiten (33%); künstlerische, audiovisuelle und materielle Produktionen (12%); ausserschulische Aktivitäten (12%) und soziokulturelle Projekte (2%)» (S. 286)». Dabei wird betont, dass es starke Unterschiede nach Sprachregionen gab: «Empirische Arbeiten sind in der Deutschschweiz am beliebtesten, in der italienisch- und französischsprachigen Schweiz dagegen werden theoretische Arbeiten vorgezogen. Künstlerische und audiovisuelle Maturaarbeiten werden in der Deutschschweiz signifikant häufiger eingereicht als in der lateinischen Schweiz» (ebd.). Sehr grosse regionale Unterschiede gab es auch in der Art, wie die Themenwahl zustande kam. In der Deutschschweiz erfolgte die Wahl in nahezu allen Fällen absolut frei. In der Westschweiz und im Tessin war das nur in weniger als der Hälfte der Fälle üblich. Verbreiteter war die Praxis, das Thema entweder in einem Rahmenthema ansiedeln zu müssen oder aus einer vorgegebenen Liste zu wählen (S. 319).
Die Themenwahl, das ist in den letzten zwei Jahrzehnten bei uns gleichgeblieben, erfolgt immer noch weitgehend frei, wobei die Eingrenzung dann in der Regel in der ersten Phase zusammen mit der Betreuungsperson erfolgt. Interessant ist der Blick auf die Arten von Arbeiten.
Fast 20 Jahre später zeigt eine kleine Recherche bei den Maturarbeiten des aktuellen KUE-Jahrgangs: Ungefähr 35% sind theoretische, knapp 20% empirische Arbeiten. Gut die Hälfte sind künstlerische, audiovisuelle und materielle Produktionen, wobei dazu Filme, Podcasts, Webseiten, Koch- und Kinderbücher und künstlerische Arbeiten im engeren Sinne gehören. Arbeiten der Kategorien «ausserschulische Aktivitäten» und «soziokulturelle Projekte» kamen in diesem Jahrgang nicht vor, auch wenn es Arbeiten gibt, die Aspekte davon zusätzlich behandeln, etwa wenn auch ein Konzept und ein Flyer für eine Awareness-Kampagne gestaltet wird.
Natürlich sind diese Kategorien nicht trennscharf, vor allem in den Kommentarteilen nähern sich die kreativ-produktiven Projekte den theoretischen Arbeiten sehr stark an, denn jede Maturaarbeit soll auch einen bedeutenden Rechercheteil enthalten. Die Verschiebung hin zu den «Produkten und materiellen Produktionen» ist nicht nur Ausdruck individueller Vorlieben. Er ist auch als Folge einer bestimmten Betreuungsarbeit verstehen. Die erfahrene Lehrperson weiss, dass der Eigenanteil bei bestimmten Arten von Arbeiten, bei empirischen und eben solchen Produkten, naheliegender und offensichtlicher ist. Das ist nicht erst seit KI so, aber angesichts der Entwicklung dieser Hilfstools wird es immer schwieriger, rein textbasierte theoretische Arbeiten zu betreuen. Um uns hierbei noch weiter zu schulen, findet demnächst eine Weiterbildung für das ganze KUE-Team statt, und zwar mit Severin Brunold, dem Verfasser des Kompass, einer Publikation zur Unterstützung für alle Arten von Maturarbeit.
Den Schüler:innen des aktuellen Jahrgangs wünsche ich viele gute Ideen und den Mut, ihren eigenen Weg zu gehen, etwas Eigenständiges zu machen.
Jürg Berthold
WB_05_2026