Demokratie mit allen Sinnen denken

KUE-Philosophielehrer Michael Räber hat an der Universität Luzern mit einer Arbeit über Demokratie und Vorstellungskraft habilitiert. Wir gratulieren herzlich!

Warum erleben heute viele Menschen Demokratie als etwas Kaltes, Technisches oder Entferntes? Und warum gewinnen autoritäre soziale und politische Strömungen an Einfluss, die mit einfachen Erzählungen, klaren Feindbildern und starken Gefühlen arbeiten?

Kurz vor Jahresende hat Michael Räber an der Universität Luzern seine Habilitation abgeschlossen. In seiner Arbeit The Senses of Democracy – Reimagining Democratic Freedom and Social Justice geht er diesen Fragen nach. Seine zentrale These lautet: Demokratie gerät nicht nur dann in Gefahr, wenn Institutionen versagen, sondern auch dann, wenn unsere Wahrnehmung der sozialen Welt verengt wird – wenn wir bestimmte Menschen, Erfahrungen oder Lebensweisen gar nicht mehr als politisch relevant wahrnehmen.

Autoritäre Bewegungen sind darin oft besonders erfolgreich. Sie sprechen weniger den Verstand als vielmehr Wahrnehmungen, Emotionen und Vorstellungen an: Angst, Wut, Stolz, Nostalgie. Sie erzeugen klare Bilder von Zugehörigkeit und Ausschluss. Heute spielen mediale Bilder und Inszenierungen eine enorme Rolle; man denke an populistische Schlüsselfiguren und Bewegungen in verschiedenen Ländern. Autoritäre Bewegungen wie «Make America Great Again» in den USA nutzen Vorstellungskraft und emotionale Ansprache sehr wirksam, allerdings in einer Weise, die demokratischen Idealen direkt zuwiderläuft. Wird dieses Feld vernachlässigt, überlassen Demokratien es jenen Kräften, die es gezielt für Ausgrenzung und Vereinfachung nutzen.

Deshalb spielt in seiner Arbeit die Imagination – also die Vorstellungskraft – eine Schlüsselrolle. Demokratie braucht die Fähigkeit, sich andere Perspektiven und Lebensrealitäten vorzustellen: Wie fühlt sich Ausschluss an? Wie wirken soziale Ungleichheiten im Alltag? Ohne diese Vorstellungskraft verengt sich Demokratie auf formale Gleichheit und verliert ihre soziale Substanz. Institutionen und Entscheidungsträger verlernen dann, auf die Erfahrungen benachteiligter Gruppen zu hören, und werden blind für soziale Probleme ebenso wie für mögliche Alternativen zum Bestehenden.

Räber knüpft dabei an den Philosophen John Dewey an, der Demokratie nicht nur als Staatsform, sondern als Lebensform verstand. Demokratie entsteht im täglichen Zusammenleben: in Schulen, in Arbeitskontexten, in der Familie, in physischen und digitalen Räumen. Sie ist ein fortlaufender Lernprozess – offen, experimentell und nie abgeschlossen.

Auch Freiheit ist dann demokratisch zu verstehen: Frei zu sein heisst nicht einfach, unbegrenzt und passiv wählen oder konsumieren zu können. Freiheit entsteht vielmehr dort, wo Menschen miteinander handlungsfähig werden, wo sie gehört und gesehen werden, Verantwortung übernehmen und gemeinsam soziale Bedingungen verändern können. Freiheit ist also immer auch eine soziale Errungenschaft und nie nur eine rein individuelle Eigenschaft.

Gerade für Schule und Bildung ist dieser Zugang besonders relevant. Demokratie praktiziert man im Zuhören, in der Ausdehnung der eigenen Vorstellungskraft, im Aushalten unterschiedlicher Perspektiven. Bildung ist in diesem Sinne immer auch demokratische Bildung, wenn sie Wahrnehmungsfähigkeit, Urteilskraft und Vorstellungskraft erweitert.