Jus-Studentin Jasmine Sege (Maturjahrgang 2025) hat an der KUE als Maturarbeit selber einen preisgekrönten historischen Roman über ihren Grossvater geschrieben.
Jasmine Sege: Der Rahmen der gesamten Geschichte ist eine Oper, die letztendlich die Beziehung zwischen dem verarmten Kriegsveteranen und Verbrecher, Hans Bringolf, und Ihrer Grossmutter, Hedwig David-Schwarz, erzählt. Das hat mich als Musikfan natürlich überrascht und begeistert. Wie kamen Sie auf die Idee mit der Oper? Das hätte ich von Ihnen gar nicht erwartet.
Matthias Böhni: Ja, es ist eindeutig nicht so, dass ich nach Hause gehe und dann Opern höre. Das Buch ist in zwei Etappen entstanden. Zuerst gab es nur die beiden Reportagen von Bringolf und meiner Grossmutter, die in den 1920er- und 30er-Jahren spielen. Und irgendwann war ich damit fertig und dachte, es fehlt noch eine Metaebene, es ist etwas zu flach. Parallel dachte ich, wenn man sich alte Fotografien von Bringolf ansieht: Er könnte doch direkt mit einer Arie loslegen. Er ist wirklich eine Opernfigur. Diese Metaebene mit der Oper spielt in den 70er-Jahren.
Sie haben mir für meine Maturarbeit, den historischen Roman «Jenseits», den Sie betreut haben, auch stets geraten, eine zweite Zeitebene einzubauen.
Ja, es ist ein Nachdenken und Reflektieren über die Geschichte selbst. Das haben Sie ja dann auch in Ihrem Buch gemacht. Die Reflexion aus dem Jetzt.
Ihre Grossmutter scheint im Buch gewisse Sehnsüchte zu haben. Wie würden Sie diese beschreiben?
Meine Grossmutter – also die fiktive Figur, nicht die reale Grossmutter – hadert damit, dass sie zu wenig Rauschhaftes hat. Sie probiert zu wenig aus. Sie heiratet, ergreift keinen Beruf, wird Mutter. Doch in ihr nagt immer etwas. Vielleicht hätte sie 1928 in Wien mit ihrer Freundin «Gettli» etwas Neues anfangen sollen? Was auch immer das dann gewesen wäre. Wenn man ihre reale, 1929 veröffentlichte Dissertation liest, stösst man auf sehr rauschhafte Dinge und durchtriebene Frauen.
Wieso ist das der Fall?
Meine Grossmutter war für mich eher eine Art Bürgerliche, keine Künstlerin. Als ich ihre Dissertation las, war ich völlig überrascht. Sie hat sich mit der Sexualität von Frauen und psychischen Erkrankungen beschäftigt. Die Roaring Twenties waren irgendwie die Zeit dafür mit Sigmund Freud und C. G. Jung. Schauen Sie auch den Steppenwolf von 1927 an.
Den Steppenwolf von Hermann Hesse habe ich vor einigen Jahren bei Ihnen im Unterricht gelesen. Wieso vergleichen Sie Bringolf mit dem Steppenwolf?
Sie lachen jetzt wahrscheinlich. Aber als Sie mit dem Steppenwolf gekommen sind, musste ich das Buch auch erst nochmals hervorholen. Und dann habe ich die Parallelen zu Bringolf gesehen: das Aussenseitertum, das Herausfallen aus der bürgerlichen Ordnung, der Verlust des Vermögens, die Verzweiflung.
Also kommt der Steppenwolf dank mir in Ihrem Buch vor?
*lacht* Ja, das dürfen Sie sich auf die Fahne schreiben. Aber Bringolf und der Steppenwolf haben auch Unterschiede. Der Steppenwolf ist ein Intellektueller, was Bringolf nicht ist. Bringolf ist ein Soldat, Hochstapler und Prahlhans, er flext, wie meine Schüler:innen dem wohl sagen würden, ihn interessiert vor allem das Luxusleben.
Frauenfiguren spielen eine wichtige Rolle in Ihrem Roman, auch historische wie Josephine Baker oder Amelia Earhart. Das empfinde ich als sehr typisch für Sie, denn Sie haben das auch im Unterricht gefördert. Was denken Sie, haben diese Personen in der Gesellschaft bewirkt?
Das ist nicht leicht zu beantworten. Sicher waren sie neue «role models». In den 20er-Jahren gab es aber auch viel Rassismus gegen Baker, es war nicht nur lustig. Baker wurde auf der Bühne sexualisiert, wobei sie natürlich tatkräftig mitgeholfen hat. Aber sie machte dann den Pilotenschein, kämpfte im Zweiten Weltkrieg für Frankreich und nach dem Krieg gründete sie die legendäre «Regenbogenfamilie». Da kann man nur Respekt haben, leider wissen diese Dinge nur wenige Leute.
Wen möchten Sie mit dem Roman erreichen?
Es geht eigentlich um Solidarität mit verstossenen Leuten, die man in die Gesellschaft zurückholen und unterstützen sollte. Insofern geht es viele Leute an, es ist eine humane Botschaft. Es richtet sich aber auch besonders an literarisch und historisch Interessierte.
Bei meiner Maturaarbeit handelt es sich ebenfalls um einen historischen Roman. Jedoch kommen Sie selbst als Autor in Ihrem Roman nicht vor, im Gegensatz zu meinem Buch. Welche Rolle würden Sie einnehmen, wenn Sie doch vorkämen?
Es gibt gewisse Parallelen zu mir und dem Journalisten Graber, der diese Oper schreiben möchte. Er ist einer mit absurden Ideen, ein bisschen schräg, aber einfühlsam. Er probiert es immer wieder neu, obschon meine Grossmutter ihn beim Schreiben der Oper kritisiert. Und er lernt im Buch schnell: Wenn meine Grossmutter sagt, sie sei selten in Cafés gewesen, sondern lieber wandern gegangen, dann setzt Graber dies im nächsten Kapitel um. Dann geht sie plötzlich wandern.
Wie kamen Sie zu den Briefen Bringolfs an Ihre Grossmutter?
Als sie 1990 gestorben ist, konnte die Verwandtschaft in ihre Wohnung gehen und alles mitnehmen, was sie wollte. Ich ging ziemlich am Schluss und das meiste war schon weg. Aber diese Briefe waren noch da. Die anderen Verwandten haben diese Zettel wahrscheinlich nicht interessiert. Das ist jetzt über 30 Jahre her. Ich habe dort schon Geschichte studiert und wusste, dass diese Briefe interessant sein könnten. Dann hatte ich einen Beruf und Kinder und keine Zeit mehr. Erst vor zehn Jahren habe ich begonnen, die ersten Zeilen des Buchs zu schreiben.
Was fasziniert Sie am Schreiben?
Beim literarischen Schreiben ist es beglückend, Welten mit realem historischen Material zu erfinden. Bei «Duett ins Dunkel» sind die meisten Details wahr, sie inspirierten mich, in die Vergangenheit einzutauchen. Aber Schreiben macht mich grundsätzlich glücklich: an Sätzen zu feilen, noch mehr zu kürzen, immer präziser zu werden. Bereits einen Teams-Post für meine Schüler:innen zu schreiben kann mir Spass machen. Den Post will ich dann meistens perfektionieren, selbst die banalsten Texte, und werkle viel zu lange daran herum. Ich habe ein Bild im Kopf und möchte das möglichst präzise zu Papier bringen.
Lesung mit Matthias Böhni, Moderation Jasmine Sege
Donnerstag, 10. September, 19 Uhr, Bibliothek Männedorf, Schulstrasse 15, Eintritt frei.
Anmeldung telefonisch unter 044 921 69 30 oder per Mail bibliothek[at]schule-maennedorf.ch. Anschliessend Apéro
Hier eine Rezension zu «Duett ins Dunkel» von Martin Zimmermann, Ex-Rektor der KUE