Müllers Mission
Die wohlgeordnete Umgebung der Kantonsschule Uetikon scheint sich hinter Haus C etwas aufzulösen – es geschieht aber zu ihrem Besten. Denn dort gedeiht ein kleines wechselfeuchtes Biotop, mit Bedacht angelegt, gespeist vom Dachwasser des Hauses C. Hier leben bedrohte Pflanzenarten und Tiere wie der Weinschwärmer, der Distelfink oder die Töpferwespe.
Dahinter steckt Thomas Müller, Jahrgang 1971, Landschaftsgärnter aus Zürich. Seit rund zehn Jahren sammelt er bedrohte Gewächse, die er zufällig in Kiesgruben oder Baustellen findet. Sein Kernanliegen: diese Pflanzen im Sinne der Biodiversität zu erhalten. «Ich habe die Leitung der Kantonsschule gefragt, ob ich das Gelände dazu nutzen kann, und sie war einverstanden», erzählt er. In Uetikon und Zürich bewirtschaftet er, unterstützt durch weitere Mithelfende, noch zehn weitere solche Kleingebiete, darunter beim Mühliweiher, keine zweihundert Meter von Haus C entfernt. Von der KUE erhält er einen Teil der Arbeit bezahlt, ein grosser Teil ist aber ehrenamtlich. Manchmal arbeiten Schüler:innen im Rahmen von «KUE gives back» mit.
Er spricht ruhig und bedächtig, im eigenen Tempo. «Das Erhalten von Naturwerten entspricht dem Bildungsziel der nachhaltigen Entwicklung», sagt er mit Blick auf Haus C, «das Biotop passt gut zu einer Schule, Wissen und Werte sollen vermittelt werden, Schülerinnen und Schüler können konkret erleben, wie man etwas für die Natur tun kann.»
Auf einem Rundgang zeigt er die markante Steinlinse, die Schülerinnen und Schüler angelegt haben, und verschiedene Pflanzen – zum Beispiel den roten Zahntrost, das Bilsenkraut, das er in Graubünden gefunden hat, nachdem er den Bus verpasst hatte. Und vor allem den nickenden Zweizahn, eine besonders schöne und seltene Sumpfpflanze. Die hat er auf einer Baustelle beim Flughafen entdeckt und hier erfolgreich angesiedelt. «Mein Anliegen ist es, solche Arten erst auf gut kontrollierbaren Flächen zu vermehren, um dann Saatgut für vertraglich gesicherte Naturschutzgebiete zu gewinnen», sagt er. Es gehe auch darum, die verschiedenen Vegetationsinseln zu vernetzen, also zum Beispiel das Biotop bei der KUE mit dem Mühliweiher – «dies und die Biotopgrösse sind entscheidend für das langfristige Überleben von Arten.»
Er erläutert weitere Pflanzen: den roten Gänsefuss, den dreiteiligen Zweizahn, den Reiherschnabel oder die gelbe Reseda. Und plötzlich geht er in die Knie, hat einen Neophyten entdeckt, den er sofort ausreisst: «Die Haarästige Hirse, sieht zwar schön aus, vermehrt sich aber unglaublich schnell.» Beim Mühliweiher bemerkt er, dass zu viel gemäht wurde: «Man sollte einen Streifen lassen.» Und beim Thema Fadenmäher gerät er schon fast in Rage: «Das ist mein grösstes Hassgerät. Es zerfetzt und zerstört einfach alles.» Mähen müsse man hin und wieder, aber schonend, zum Beispiel mit einem Balkenmäher oder – effizienter, als man denke – mit der Sense.
Nach der Matur an der Kanti Limmattal studierte er Botanik an der Uni Zürich, «aber das hat mir nicht zugesagt, zu viel Labor, zu akademisch.» Er ziehe es vor, draussen zu arbeiten. «Viele finden Gartenarbeit furchtbar, aber es hat eine Qualität, man kommt zur Ruhe, kann ‹duureschnufe›, der Kopf ist frei. Und man bewegt sich. Das würde übrigens auch Schülerinnen und Schülern guttun.» Autodidaktisch bildete er sich dann weiter in Botanik.
Müller macht die schwindende Biodiversität Sorgen. Er betrachtet das Thema auch philosophisch, sagt Sätze wie «Automobilität und Baumlosigkeit im Siedlungsgebiet hängen zusammen». Das Wort «Schattenseite» entlockt ihm aber auch ein Schmunzeln, denn metaphorisch sind wir bezüglich Biodiversität eher auf der Schattenseite, botanisch aber ist sie für viele Pflanzen sehr interessant.
Und was wird hier sein, wenn die Kantonsschule an den See zieht? Müller hofft, dass das schmucke Biotop weiterbesteht, wofür er sich auch einsetzen will. Der nickende Zweizahn, die Töpferwespe und wir alle werden es ihm danken.
Matthias Böhni