Oft hört man abenteuerliche Geschichten, zum Beispiel, dass im Chemie-Unterricht etwas ungeplant in die Luft geflogen ist. Kennt ihr auch solche Geschichten?
Stefanie Jörg: Aus einer Schule fällt mir gerade keine Geschichte ein. In der Uni hatten wir im Labor immer mal wieder kleine Brände oder einen Bromunfall.
Philipp Marty: Solch legendäre Geschichten kenne ich auch keine. An meinem Gymi haben mal Schüler mit Absicht Buttersäure ausgeleert. Der Gestank durchzog das ganze Gebäude. Evakuieren musste man damals nicht, aber vielleicht wird das heute auch ausgeschmückter erzählt.
Was passiert denn, wenn zum Beispiel Brom ausläuft?
Stefanie Jörg: Ja, dann haben wir ein Problem... Brom ist stark ätzend und ist vor allem beim Einatmen giftig. Zuerst müssten alle den Raum verlassen, je nachdem würde ich auch die umliegenden Räume evakuieren. Dann den Sicherheitsberater informieren und je nach Ausmass den Notruf. Natriumthiosulfat hilft dann zur Neutralisation des Broms, das muss aber auch zuerst irgendwie zum Brom kommen, d.h. die nötige Schutzausrüstung, vor allem Atemschutz, ist nötig. Es ist also damit nicht zu spassen... Wir arbeiten deshalb mit den Schüler:innen nie mit Brom.
Welche weiteren Experimente sind potenziell gefährlich?
Stefanie Jörg: Im Normalfall sind die Experimente, die wir in der Schule machen, sehr kontrolliert und wir wüssten auch, wie wir reagieren müssen, falls doch mal etwas schief geht. Aber klar kann auch mal etwas völlig daneben gehen, ist aber definitiv die seltene Ausnahme. Am gefährlichsten sind aus meiner Sicht die Experimente, die auf den ersten Blick kein Problem darstellen. Giftige Dämpfe, umweltschädliche Chemikalien etc. erscheinen oft harmlos, können aber auch zu langfristigen Schäden führen, welche nicht unmittelbar sichtbar sind.
Philipp Marty: Mir kämen als erstes auch giftige Dämpfe in den Sinn. Was wirklich gefährlich ist, lohnt sich vermutlich nicht zu demonstrieren. Mir ist mal ein Ballon auf heissem Wasser zerplatzt. Passiert ist gar nichts. Trotzdem empfand ich das Experiment nach der vierten Durchführung plötzlich als «gefährlich», das ich vorher für absolut unproblematisch gehalten habe.
Und welche Experimente findet ihr am interessantesten?
Stefanie Jörg: Ui, da gibt es viele. Bei den 1. Klassen ist ein sehr einfacher Versuch toll, bei dem 50 Milliliter Alkohol mit 50 Millilitern Wasser vermischt werden und die Mathe für einmal falsch liegt, weil es nicht 100 Milliliter, sondern ca. 97 Milliliter gibt. Es ist schön, wie die Schüler:innen versuchen, eine Lösung zu finden, die mit ihrem bisherigen Wissen erklärt werden kann. Bei den oberen Klassen finde ich zum Beispiel die sogenannte Pentankanone* interessant, weil damit schön gezeigt werden kann, wie viel Druck bei einer Verbrennung von zwei Tropfen Pentan entsteht. Generell finde ich es am schönsten, wenn der Ausgang eines Experiments für sie unerwartet ist und man das in ihren Gesichtern ablesen kann.
Philipp Marty: Demonstrationen mit Farbänderungen finde ich immer schön. Der Landolt-Versuch wäre ein Beispiel, bei dem sich das anfangs farblose Reaktionsgemisch sehr plötzlich, aber nach einer logisch nachvollziehbaren Zeit dunkelviolett färbt.
Was ist eine Mehlstaub-Explosion? Zeigt ihr das auch?
Stefanie Jörg: Ein Kilo Mehl, das in der Verpackung steckt, ist schwierig zu entzünden. Liegt es aber fein verteilt in der Luft, wie zum Beispiel in Bäckereien, kann es aufgrund der grossen Oberfläche plötzlich explosionsartig verbrennen. Brennt ein Staubkorn, wird das Feuer sich über die anderen Körner schlagartig ausbreiten. Das kann je nach Mehlmenge zu einem hohen Druckanstieg führen, was mit dem Feuer sehr gefährlich sein kann. Dasselbe gilt zum Beispiel auch bei Tankstellen, wo die Benzindämpfe leicht entzündlich sind, weshalb an all diesen Orten kein freies Feuer entzündet werden sollte. Und ja, ich zeige das auch einerseits mit Kerosin und andererseits mit Bärlappsporen, die sich wie Mehl verhalten.
Gibt es eigentlich Feuer- oder Rauchmelder in den Chemiezimmern?
Stefanie Jörg: Nicht dass ich wüsste...
Philipp Marty: Feuer- oder Rauchmelder wären in einem Chemiezimmer sehr unpraktisch, wo immer mal wieder kontrolliert etwas brennt und auch mal Rauch entstehen kann.**
Was war denn eure bisher grösste Panne bei Experimenten?
Stefanie Jörg: An einer anderen Schule habe ich mit einem Standardexperiment – Magnesium verbrennen – den Rauchmelder ausgelöst, weil da viel feines Magnesiumoxid entsteht. Das führte zum automatischen Schliessen aller Sicherheitstüren, weshalb der Hausdienst dann bei mir aufkreuzte. Mit Schwefelsäure habe ich auch schon ein, zwei Löcher in meiner Kleidung verursacht. Schüler:innen sind meines Wissens bisher noch keine zu Schaden gekommen.
Philipp Marty: Bei meiner «grössten Panne» ist mir beim Vorzeigen der sogenannten Elefantenzahnpasta beim Zusammenschütten das kleine Becherglas in der Öffnung eines Erlenmeyerkolbens steckengeblieben. Dadurch ist der Schaum nicht in einem dicken Strahl nach oben geschossen, sondern eher breit gefächert zur Seite. Das gab eine ordentliche Sauerei.
* Pentan ist eine Flüssigkeit, die auch in Erdöl vorkommen kann. Da der Siedepunkt nahe bei Raumtemperatur liegt, eignet es sich für das Experiment besonders gut, weil die zwei Tropfen verdampfen und sich so fein verteilen, das heisst, sie können besser entzündet werden.
** An der KUE gibt es keine Feuer- oder Rauchmelder, aber auf jeder Etage einen Feuerlöscher.