Wurf in die Vergangenheit

KUE-Deutschlehrer Matthias Böhni hat einen Roman geschrieben – über seine Grossmutter und den Weltkriegshelden und Hochstapler Hans Bringolf.

 

Matthias Böhni, unser Deutschlehrer und Webredaktor, veröffentlichte vor wenigen Wochen einen Roman. Ich gratuliere ihm im Namen der KUE. Mit «Duett ins Dunkel» ist Matthias Böhni ein Wurf gelungen, wie unser Ex-Rektor und Rezensent Martin Zimmermann findet (siehe Besprechung unten). Später wird noch ein Interview mit dem Autor folgen. – Jürg Berthold


Rezension von Martin Zimmermann

Briefe zu lesen, die an die eigene Grossmutter gerichtet waren, kann spannend sein. Wenn aber der Absender der Briefe ein schweizerisches Original ist, eine schillernde Person, ein Betrüger, Hochstapler, Sexualstraftäter, Autor und literarische Figur, dann entstehen hochinteressante Fragen. Wie kam die Grossmutter nur in Kontakt mit diesem Hans Bringolf? Was wusste sie von ihm? Was verband die beiden?

Das ist der Ausgangspunkt von Matthias Böhnis beeindruckendem historischen Roman «Duett ins Dunkel». Er zeichnet zunächst das Bild seiner Grossmutter, Hedwig David-Schwarz, einer promovierten Germanistin. Das ergibt einen Familien- und Zürich-Roman in der Tradition eines Kurt Guggenheim. Mit seiner raffinierten Erzählanlage und der Darstellung des Abenteurers Hans Bringolf geht Böhni jedoch neue Wege.

Der Roman denkt über die Darstellbarkeit der Realität nach, er skizziert unterschiedliche Varianten, wie die Begegnungen zwischen seiner bürgerlichen Grossmutter und dem operettenhaften Hallodri abgelaufen sein könnten. Die Szenen sind allerdings historisch immer genau eingerahmt. Dies lässt sich an zwei Details deutlich machen.

Da Bringolf homosexuell war, lässt Böhni eine «Herrenbar» aufleben, die es in Zürich wirklich gegeben hat. Die «Mary-Bar» war vielleicht auch für Bringolf ein Refugium. Als Leser erfahren wir das so wenig sicher, wie es der Autor hat recherchieren können, aber die Darstellung dieses historischen Ortes erweitert unsere Kenntnisse der Geschichte Zürichs.

Das zweite Beispiel zeigt Böhnis zurückhaltend-gescheite Schreib-Kunst. Er «erfindet» einen Vortrag des berühmten Nobelpreisträgers Thomas Mann im Zunfthaus Zur Saffran. Anwesend ist auch der NZZ-Redaktor Eduard Korrodi, der sich in einem Artikel kritisch über deutsche Exilliteraten wie Mann geäussert hatte. Nach dem Bericht über Thomas Manns Ausführungen steht bei Böhni nur der Satz «Korrodi hüstelte». Mehr ist nicht nötig, um zu zeigen, dass Mitte der 30er-Jahre in der Schweiz die Katastrophe des Nationalsozialismus noch nicht von allen erkannt worden war.

Hans Bringolf und Hedwig David-Schwarz werden als gegensätzliche Figuren gezeichnet, und sie waren das wohl tatsächlich. Böhni erkennt in seiner Grossmutter aber auch andere Potenziale. Die Zitate aus ihrer Dissertation über die «Frauenfiguren bei Keyserling» zeigen, dass sie eine originelle und aussergewöhnliche Frau gewesen sein muss, die nicht nur über die festgelegte Rolle als Familienfrau und Mutter zu verstehen ist. Umgekehrt erscheint Bringolf nicht nur als Sexualstraftäter und Hochstapler. Auch er wird differenziert gezeichnet – etwa in seiner Not als Homosexueller in einem Milieu, das diesbezüglich höchst intolerant war.

Böhnis Roman ist – wie bereits angedeutet – raffiniert konstruiert und hervorragend geschrieben. Die verschachtelten Erzählerpositionen ermöglichen verschiedene Perspektiven auf die privaten und öffentlichen Geschichten. Die Sprache ist rhythmisch-unaufgeregt, leicht zu lesen, aber nie banal.

Matthias Böhni hat mit «Duett ins Dunkel» einen bemerkenswerten Roman vorgelegt, den ich allen wärmstens zur Lektüre empfehle.

Martin Zimmermann

Matthias Böhni, Duett ins Dunkel, Th. Gut Verlag 2026