Bisweilen hört man, die Mittelschulen kümmerten sich vor allem um Schüler:innen mit besonderen Bedürfnissen oder Schwierigkeiten. Es wird dann etwa der steigende Anteil von Jugendlichen mit Nachteilsausgleichsmassnahmen genannt. Es gehe zudem oft nur um das Mittelmass und gebe – typisch schweizerisch – keine Förderung von Exzellenz. Dass das nicht stimmt, ist schnell gezeigt. Wie man dazu stehen soll, ist die schwierigere Frage.
Die Schüler:innen der KUE nehmen an diversen nationalen Vergleichswettbewerben teil. In der Mathematik etwa am Känguru-Test oder in Deutsch an «Jugend debattiert». Regelmässig machen Klassen bei «Jugend schreibt», dem Schreibprojekt der F.A.Z., mit. Einzelne nehmen an einer der diversen Wissenschaftsolympiaden teil; die Auswahl reicht von Mathematik über Philosophie oder Linguistik bis zu diversen Naturwissenschaften. Andere wiederum sind Teil des UZH-Programms «Schüler:innenstudium»: Hier können Einzelne aus oberen Klassen Kurse an der Uni belegen, ganz normal mit anderen Studierenden zusammen, inklusive Modulprüfungen und ECTS-Punkten.
Auch KUE-intern werden besondere Leistungen hervorgehoben: Vor den Sportferien fand wie jedes Jahr die Auszeichnung herausragender Maturitätsarbeiten statt. Die prämierten Arbeiten werden sich über die kantonalen Ausstellung einer grösseren Konkurrenz stellen. Ganz generell können sich spezielle Arbeiten bei Stiftungen oder Universitäten für Preise qualifizieren. Oder bei «Schweizer Jugend forscht» mitmachen, wo sie vielleicht sogar für eine internationale Ausscheidung empfohlen werden. Die KUE kauft jedes Jahr eine der künstlerischen Arbeiten an, die im Rahmen des BG-Semesterprojekts entstanden sind. Dass im Sport viele Möglichkeiten bestehen, sich jenseits des Unterrichts zu messen, muss nicht eigens betont werden. Eigentlich eindrücklich, auf wie vielen Ebenen Exzellenz hervorgehoben wird – gerade auch jenseits der offiziellen Notenlogik.
Problematisch an solchen Exzellenzauszeichnungen sind die Botschaften, die sie mittransportieren. Es geht um die Geschichte, die davon erzählt, dass der, der sich anstrengt, belohnt wird. Dass der, der Leistungen erbringt, auch das Recht hat, sich nicht nur zu freuen, sondern sich über andere erhaben zu fühlen. Dass man sich allein zuzuschreiben hat, was man erreicht hat, und dass man ein Recht darauf hat, belohnt zu werden. Der Name für diese Geschichte, die die vielfältigen Voraussetzungen ausblenden, heisst «Meritokratie».
Die Kunst für uns scheint mir zu sein, die Schüler:innen zu Ausserordentlichem zu motivieren, keine Frage. Sie zu befähigen, alles zu geben und über sich hinauszuwachsen. Aber auch, dass sie das tun aus Begeisterung für die Sache und nicht aus dem falschen Motiv, über andere hinauszuragen und sich als etwas Besseres zu fühlen. Oder aus der krankmachenden Vorstellung, als Menschen nur Anerkennung und Liebe zu verdienen, wenn man Ausserordentliches leistet und etwas Besonderes darstellt.
Citius, Altius, Fortius (schneller, höher, stärker) lautet das Olympische Motto seit dem Gründungskongress des Internationalen Olympische Komitees im Jahr 1894. 2021 wurde es um das Wort communiter (gemeinsam) erweitert. Es ist, als ob die auch in der Olympiade mittransportierte meritokratische Grundideologie ein Korrektiv erfahren sollte. Als Schule müssen wir, so meine Überzeugung, auch Stimmen stärken, die an das Gemeinsam-Gemeinschaftliche erinnern – bei aller Exzellenz.
Jürg Berthold
WB_09 _2026