Den Kopf freibekommen

Warum man sich bei Schulreformen auch an Modellen orientieren soll, deren Umsetzung unmöglich erscheint. Mehr dazu im aktuellen Wochenbrief.

Ich weiss nicht mehr, wann ich zum ersten Mal vom Black Mountain College (BMC) gehört habe. Sicher vor vielen Jahren und vermutlich in irgendeiner Kunstausstellung bei der Lektüre einer Saaltafel mit den üblichen Hinweisen, welche Institutionen und Menschen den Künstler oder die Künstlerin prägten. Die Schule in den Bergen von North Carolina blieb mir in Erinnerung wegen ihres umfassenden und radikalen Ansatzes. Sie prägte zwischen 1933 und 1957 unzählige herausragenden Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Fachbereichen.

Das BMC war die bauliche und gelebte Umsetzung von John Deweys Bildungsphilosophie der Progressive Education. Dewey, der das College als Berater unterstützte, sah es als die Verwirklichung seiner Vision, dass Bildung kein reines Auswendiglernen ist, sondern ein sozialer und demokratischer Prozess sein muss. Für ihn entsteht echtes Wissen durch praktische Erfahrung, das Lösen realer Probleme und die Reflexion darüber. Eindrückliches Beispiel ist, wie der Architekt Richard Buckminster Fuller mit Studierenden Physik macht, indem sie im Freien zusammen geodätische Kuppeln bauen. Auch die Arbeit auf der zum College gehörenden Farm oder das Bauen der Campusgebäude waren Bestandteil des Bildungsprogramms. Zentral war die Bedeutung der Kunst. In seinem Werk Art as Experience (1934) betont Dewey, dass Kunst keine elitäre Beschäftigung ist, deren Resultate dann in Museen zu sehen sind. Kunst ist vielmehr eine grundlegende Form des menschlichen Erlebens und Denkens. BMC-Gründer John Andrew Rice stellte sie deshalb ins Zentrum seiner Schule, als universelle Methode, um kritisches Denken zu lernen.

Das College wurde als demokratische Gemeinschaft verstanden, als ein Mikrokosmos der Gesellschaft. Es war ein Ort, wo man über Demokratie nicht nur theoretisch nachdachte, sondern sie auch im Alltag praktizierte. So gab es keine übergeordnete Verwaltung, keine starren Hierarchien. Die Lehrenden bildeten den Vorstand, und die Studierenden hatten in den Versammlungen Mitspracherecht.

Dewey forderte, dass sich die Bildung an den Interessen und der Entwicklung des Individuums orientieren müsse, statt den Lernenden in ein starres System zu pressen. Entsprechend gab es am BMC keine festen Lehrpläne, auch keine standardisierten Prüfungen oder Noten. Die Studierenden besprachen ihre Ziele direkt mit den Mentorinnen und Mentoren und waren selbst dafür verantwortlich, ihren Bildungsweg zu gestalten. Sie entschieden, wie lange sie am BMC bleiben wollten. Am Ende ihrer Zeit luden sie externe Prüfer:innen ein, um ihre Arbeiten evaluieren zu lassen.

Die nationale Reform der Maturität (WEGM) wird als Projekt WegZH das kantonale Bildungssystem nachhaltig verändern, auch die KUE – zumindest auf den ersten Blick. Vieles wird sich am Ende für die Schüler:innen aber wohl ganz ähnlich anfühlen. Das hat mit der Orientierung an Lektionen als Grundeinheit zu tun, mit der Fixierung auf Noten als Währung für das Bestehen und vielem anderen, was über die reglementarischen Vorgaben bestimmt wird. So bleibt der Kanon der Fächer weitgehend unangetastet, die Wahlfreiheiten werden eher eingeschränkt, die Orientierung an Fachinhalten wird zwar (theoretisch) einer Kompetenzorientierung weichen, aber das Korsett wird insgesamt enger. Impulse könnten von einzelnen Aspekten ausgehen, etwa von den neu konzipierten Schwerpunktfächern, den sog. Transversalen oder vom Ergänzungsfach. In diesen Bereichen besteht für die einzelnen Schulen der grösste Gestaltungsspielraum.

An der letzten KUE-Retraite wurde deutlich, dass die KUE-Lehrpersonen grosse Lust verspüren, das Potential der schulischen Freiheiten auszuschöpfen. Sicher, man wird Vorgaben einhalten müssen. Bei Neukonzeptionen aber Modelle wie jenes des Black Mountain College vor Augen zu haben ist befreiend, auch wenn man weiss, dass man das solche Ansätze nicht einfach wird kopieren können. Allein die Beschäftigung damit, so geht es auf jeden Fall mir, öffnet den Geist. Auf dass man sich von den Vorgaben nur dort einschränken lässt, wo es nicht anders geht. Die zukünftige KUE wird ebenfalls direkt am See liegen, und mit dem Pfannenstiel hat sie auch einen Berg im Rücken. Das ist immerhin schon mal ein Anfang.

Jürg Berthold

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