«Eine 28er-Klasse ist eine Challenge»

Warum die übervollen Klassen nur ein vorübergehendes Phänomen sein dürfen, erfahren Sie im aktuellen Wochenbrief.

Foto von Joanna Kosinska auf Unsplash

Als sich am Montag die Schülerinnen und Schüler der neuen 3. Klassen in der Aula versammelten, bekamen nicht alle einen Sitzplatz. Die Klassen sind fast alle bis zum Anschlag gefüllt und der von uns euphemistisch als «Aula» bezeichnete Mehrzweckraum ist für sechs Klassen dieser Grösse zu klein. Wir haben uns aber über jedes neue Gesicht gefreut und hoffentlich allen das Gefühl gegeben, willkommen zu sein!

Der Mangel an Schulraum für die Gymnasien führt seit einigen Jahren dazu, dass die Schulen ihre Klassen in einer Grösse von 28 Schülerinnen und Schülern führen müssen. Während auf der Primarstufe die Schülerzahlen in diesem Jahr zum ersten Mal etwas gesunken sind, wird der Platzmangel an den Gymnasien in den nächsten Jahren noch anhalten.

Das hat für einzelne Schüler und Schülerinnen entscheidende Auswirkungen: Nicht alle können an die Schule ihrer Wahl gehen, es kommt im ganzen Kanton nach den Aufnahmeprüfungen zu Umteilungen. An der KUE besteht nun zum ersten Mal auch die Gefahr, dass zwei Schüler:innen nach ihrem Austauschaufenthalt nicht an die Schule zurückkommen können, weil in der Klasse darunter kein Platz mehr ist. Und dieses Problem könnte in Zukunft auch bei Repetitionen auftreten.

Noch wichtiger ist aber, dass die Grösse einer Klasse entscheidenden Einfluss auf die Qualität des Unterrichts und auf das Lernen hat. «In einer sehr grossen Klasse unterrichte ich anders als in einer kleineren», sagt Nicolas Diener, Lehrer für Latein und Informatik. In einer Gruppe von 28 Schüler:innen seien zum Beispiel Settings mit schülerzentrierten, individualisierten Lernaktivitäten schwierig und bei Gruppenarbeiten reiche die Zeit für die Zusammenführung von Ergebnissen oft nicht. Grosse Auswirkungen hat die Klassengrösse auch auf die Leistungsbeurteilung: Für ein individuelles Feedback bleiben theoretisch bei einer 28er-Klasse pro Schüler oder Schülerin in einer Lektion ca. 1,5 Minuten. Damit wird die Beurteilung anhand von Kompetenzrastern, die z.B. Demonstration der Kompetenz durch den Schüler oder die Schülerin erfordern, sehr schwierig bis unmöglich. «Beurteilung wird zur Massenabfertigung», sagt Nicolas. Zahlreiche Studien zeigen den Zusammenhang zwischen Klassengrösse und Lernleistung auf, wie Lucius Hartmann und Beat Schwendimann in einem Überblick zum Thema in der Zeitschrift Gymnasium Helveticum zeigen.

Und neu ist die hohe Anzahl der Schüler:innen pro Klasse auch insofern ein Problem, als wegen der Entwicklung der KI die Beurteilung von selbstständigen, umfangreicheren Projekten öfter durch mündliche Prüfungen oder Fachgespräche ergänzt werden muss.

Auch auf der Seite der Lehrpersonen haben grosse Klassen negative Auswirkungen. Neben der höheren zeitlichen Belastung durch mehr Korrekturen, mehr mündliche Prüfungen etc. ist es auch das Gefühl, auf den oder die einzelne:n Schüler:in nicht genügend eingehen zu können, das zu Frustration führt. Die ebenfalls zunehmende Zahl von Schüler:innen mit besonderen Bedürfnissen und das Einhalten der unterschiedlichen Nachteilsausgleichsmassnahmen macht die Situation für die Lehrpersonen zusätzlich anspruchsvoll.

Eine Klassengrösse von 28 Schülerinnen und Schülern darf daher kein Dauerzustand werden, wie Schulleiter und Schulleiterinnen sowie Vertreter:innen der Lehrerschaft des Kantons Zürich bei jeder sich bietenden Gelegenheit betonen. Der Blick in andere Kantone ist interessant: Laut der von der EDK im Schuljahr 24/25 durchgeführten Umfrage liegt die Richtgrösse für die Zahl von Schülerinnen und Schülern pro Klasse an den Gymnasien im Kanton Aargau zum Beispiel bei 22. Der Kanton Zug hat die Klassengrösse der kantonalen Schulen sogar gesetzlich begrenzt, und zwar auf eine Höchstzahl von 24 Schüler:innen.

Für den Moment hoffen wir, dass sich die neuen Schülerinnen und Schüler an der KUE trotz der grossen Klassen gut einleben werden!

Eugenie Bopp