Den Begriff «Elternblindheit» gibt es nicht. Trotzdem habe ich sofort verstanden, was damit gemeint war, als ihn jemand neulich gebrauchte. Es ist die gleiche metaphorische Verwendung wie in der sprichwörtlichen Liebe, die blind macht. Man neigt dazu, die Fehler und Schwächen seines Liebespartners zu übersehen. Schon Platon spricht davon, dass der Liebende in Bezug auf den Gegenstand seiner Liebe blind werde, und die Verblendung von Liebenden zieht sich als Motiv durch die Weltliteratur. Blind zu sein vor Liebe ist an sich nichts Negatives: Die Liebe macht einen tolerant und offenherzig, das Glas erscheint eher voll als halbleer.
Wer das Sprichwort benutzt, kommentiert damit aber nicht selten einen Schaden, der aus Mangel an Klarsicht entstanden ist. Dass man ihn nicht hat kommen sehen, dass man es hätte besser wissen können. Was man hätte vorhersehen können, ist im Rückblick wenig überraschend. Auch für Aussenstehende liegen die Dinge meist offener da als für die Verliebten. Das Unheil hat gewissermassen systemische Gründe.
Die Mutter, die von Elternblindheit sprach, dachte nicht an andere, sondern an sich selbst. Sie hoffe, dass sie keine Elternblindheit habe, meinte sie. Wenn sie diese bei anderen sehe, denke sie sich: Was sehe ich wohl alles nicht? Wie sehen wohl die anderen mein Kind? – Es geht nicht darum, dass die beiden Sichtweisen übereinstimmen müssen. Natürlich sehen Eltern mehr als andere. Die Frage ist, ob daraus folgt, dass man seinen Sohn oder seine Tochter in jeder Hinsicht wirklich kennt. Ob die Nähe wirklich immer die beste Perspektive ist.
Es ist kein Zufall, dass dieses Thema gerad zum Ende des Semesters aufkommt. Im Umfeld der Notenkonferenzen treffen verschiedene Sichtweisen aufeinander. Als Schule haben wir keinen umfassenden Blick. Deshalb bemühen wir uns, wo es angezeigt ist, auch andere Blick einzubeziehen – etwa jenen von behandelnden Ärztinnen und Psychologen. Vieles, was wir beurteilen müssen, sehen wir gleichzeitig sehr genau und oft besser als die Eltern. Wenn es dann zu Differenzen mit den Eltern kommt, nehmen wir deren Sichtweise ernst, aber wir müssen auch unser Bild einbringen – mit Blick auf das Wohl des Jugendlichen und auch unter Aspekten der Gerechtigkeit im Vergleich mit anderen.
Manchmal ist aber nicht der von Elternliebe verzerrte Blick bestimmend, sondern der Versuch, für sein Kind die Kohlen aus dem Feuer zu holen und es aus einer brenzligen Situation zu retten. Ich weiss nicht, ob es stimmt, dass Bärinnen besonders für ihre Brut kämpfen. Auf jeden Fall ist diese Form der Elternliebe sprichwörtlich mit diesem Totemtier verbunden. Auch hier können wir das Anliegen verstehen; viele von uns haben eigene Kinder und wissen, wie es sich anfühlt, wenn man seinem Kind gegen alle Vernunft aus der Patsche helfen möchte. In diesen Fällen müssen wir aber auf unserem erzieherischen Auftrag bestehen. Manchmal ist es längerfristig wichtig, dass die Jugendlichen lernen, die Konsequenzen ihres Handelns selbst tragen zu müssen.
Die Eltern unserer Schülerinnen und Schüler erleben wir in aller Regel aber ganz anders, nämlich als sehr konstruktiv und an unserer Aussensicht interessiert. So haben wir den Eltern zum Semesterabschluss geschrieben: «Wir möchten die Gelegenheit nutzen, Ihnen zu danken für die Zeichen der Wertschätzung, die Unterstützung und die gute Zusammenarbeit. Die Kontakte zwischen Schule und Elternhaus werden am Gymnasium naturgemäss seltener. Umso wichtiger ist, dass man spürt: Man zieht am gleichen Strang und hat letztlich das gleiche Ziel.»
Da Ferienzeit zu einem schönen Teil auch Familienzeit ist, verbinden sich meine Wünsche für erholsame Sommerferien an dieser Stelle mit dem Wunsch, dass man sich in den gemeinsamen Tagen oder Wochen näherkommt und man sich von den unterschiedlichsten Seiten begegnen kann.
Jürg Berthold
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