Im September werden sich die KUE-Lehrpersonen während zwei Tagen mit der konkreten Umsetzung der Maturitätsreform an der KUE beschäftigen. Das ist ein Eidgenössisches Projekt (WEGM), das in allen Kantonen eine eigene Ausgestaltung innerhalb der vorgegebenen Rahmenbedingungen erfährt. Zu reden gaben beim Zürcher WegZH, auf dessen Grundlage in allen Kantonsschulen ab Schuljahr 2029/30 unterrichtet werden muss, bis jetzt vor allem die Aufhebung der Profile, die Vereinheitlichung im Grundlagenbereich, die Neukonzeption der Schwerpunktfächer und die Ausgestaltung des Ergänzungsfachs. In den Hintergrund getreten sind die meisten der sogenannten «transversalen Unterrichtsbereiche und -themen». Sie stellen aber einen integralen Bestandteil von WEGM dar.
Der etwas sperrige Titel verweist auf den Umstand, dass diese Bereich in allen Fächern in der einen oder anderen Form eine Rolle spielen. Sie stellen Querverbindungen dar und sind nicht an einzelne Fächer gebunden, auch wenn die Nähe zu einigen Fächern offensichtlicher ist als zu anderen. Die sieben «Transversalen», wie sie abgekürzt genannt werden, werden im Kanton Zürich in zwei Gruppen angeordnet. Die vier transversalen Kompetenzen umfassen «basale fachliche Kompetenzen», «überfachliche Kompetenzen», «Interdisziplinarität» und «Wissenschaftspropädeutik». Davon abgesetzt sind: «Digitalität», «Politische Bildung» und «Bildung für nachhaltige Entwicklung».
Es ist ein spannendes Gedankenexperiment, sich zu überlegen, wie der gymnasiale Unterricht, ja, die ganze Schule, aussehen würde, wenn man die Reform konsequent von diesen Querverstrebungen her konstruieren und die Fächer zu einem wesentlichen Teil von ihnen her verstehen würde. Ein in meinen Augen besonders interessanter Fall ist die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), ein von den Vereinten Nationen weltweit vorangetriebenes Bemühen. In den nationalen Erläuterungen wird deutlich, dass Transversalität hier nicht nur über die Fachgrenze hinausgeht, sondern das Schulganze betreffen soll: «Bildung für nachhaltige Entwicklung kommt am besten dann zum Tragen, wenn Unterricht sowie Schulkultur und Schulorganisation zusammenspielen», heisst es in der «Handreichung Transversale Unterrichtsbereiche» (1. Aug. 2024).
Was ein solcher Whole School Approach konkret implizieren könnte, kommt im folgenden Absatz anschaulich zum Ausdruck: «Nachhaltige Entwicklung soll im Schulalltag verankert und es soll ein Handlungsbezug hergestellt werden (z. B. im Leitbild der Schule, durch die Einbindung aller schulischen Akteure in Planung und Gestaltung von nachhaltigkeitsrelevanten Entscheidungen, Weiterbildungen etc.). Nachhaltige Entwicklung soll ein Grundprinzip in der Bewirtschaftung der Schule sein (z. B. Lebensmittel in der Mensa aus fairer und nachhaltiger Produktion, Einrichtung und Materialien der Schule orientieren sich am Prinzip reduce, reuse, recycle, Suffizienz, nachhaltige und schonende Energienutzung im Gebäudemanagement, umweltfreundliche Mobilität etc.). Im Rahmen von nachhaltiger Entwicklung sollten Kooperationen mit Partnerinnen und Partnern aus dem Umfeld der Schule umgesetzt werden (reale Projekte vor Ort, z. B. mit Gemeinde, Verwaltung, Vereinen, lokalen Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen etc.). BNE auf diese Weise im Alltag der Schüler:innen zu verankern und relevant zu machen, das braucht Räume: Unterrichtsgefässe, Gremien und Prozesse für Partizipation, eine kluge Verzahnung und Wechselwirkung mit den einschlägigen Unterrichtsinhalten. Vor allem aber Menschen innerhalb und ausserhalb der Schule, die die Anliegen teilen und mitwirken. Und man muss sich Zeit dafür nehmen.
Die Bedingungen an der KUE für einen solchen Whole School Approach sind eigentlich gut: Erstens zeigen die Diskussionen im Team, dass die Bereitschaft besteht, diesen Themen Raum zu geben. Das kommt auch in der KUE-Charta zum Ausdruck, auf die wir uns verpflichtet haben. Zweitens verfügt die KUE über vielfältige Gefässe (Themenwoche, Poolprojekte, KUE-Gives-Back) für eine entsprechende konzentrierte Umsetzung auch über den Unterricht hinaus. Drittens ist für die KUE als junger Schule und im Rahmen der Planungen für den Standort am See der Gestaltungsspielraum über den Unterricht hinaus grösser als an einer bestehenden Schule. Und viertens gibt es schon eine Reihe konkreter Projekte, die sich einreihen liessen, etwa das von der Geografin Catherine Robin und Thomas Müller, einem in seiner Freizeit auch für die KUE engagierten Landschaftsgärtners, realisierte Biodiversitätsprojekt hinter dem Haus C. Dagegen ist bei der KUE im Schulalltag in Sachen Nachhaltigkeit noch Luft nach oben. Die am provisorischen Standort fehlende Mensa führt zu viel Take-Away – und damit zu übermässig viel Abfall.
Ich bin optimistisch, dass BNE – und die anderen Transversalen – an der KUE ihren festen Platz finden und im Reformprozess von den fachspezifischen Interessen nicht an den Rand gedrängt werden. Damit meine ich nicht die einzelnen Lehrpersonen, sondern die Überladung der Lehrpläne mit Fachinhalten, die in den zur Verfügung gestellten Lektionen kaum erarbeitet werden können.
Auf die Gespräche und Auseinandersetzungen an der KUE-Retraite vom 14. / 15. September freue ich mich sehr, und ich bin zuversichtlich, dass wir gute Lösung in allen Bereichen finden werden. Immerhin geht es darum, die KUE für die nächsten Jahrzehnte zu prägen.
Jürg Berthold
WB_36_2026