Irritierbar bleiben

Wer lernbereit ist, vermag Dinge anders wahrzunehmen. Mehr dazu im Wochenbrief.

Einmal mehr hat mich die Lektüre eines Buches gepackt und dazu gebracht, gleich noch weitere Texte derselben Autorin zu lesen. In den Frühlingsferien war es Carolin Emcke, die in mir etwas ausgelöst hat. Vermutlich geschah dies, weil mir einige ihrer Gedanken irgendwie schon vertraut waren, ohne dass ich sie aber konsequent weitergedacht hätte. Auf dieser Basis konnten nun andere Perspektiven, überraschende Einsichten, neue Erkenntnisse entstehen.

Schulisches Lernen verläuft ähnlich. Guter Unterricht knüpft an das Vorwissen an und erweitert es. Aber manchmal geht es auch darum, Vorwissen als falsch zu verstehen und sich gewissermassen davon zu trennen.

Man kennt das aus der Geschichte der grossen Entdeckungen. Wie erschütternd muss es gewesen sein, als es hiess, die Welt sei eine Kugel! Wie unerbittlich gegen Galileo Galileis Erkenntnis gekämpft wurde, dass die Erde sich um die Sonne dreht, wissen wir. Seine Gegner wollten die Sicherheit, die ihnen ihre Überzeugungen gaben, nicht ablegen.

Kürzlich verglichen wir im Fach «Wissenschaftliche Texte» ein Gedicht von C.F. Meyer (Der römische Brunnen) mit einem allgemein verständlichen Text des Hirnforschers Gerhard Roth.

Die Schüler:innen meiner Klasse vermuteten vor der genauen Lektüre, dass der literarische Text viele Ambivalenzen, mehrdeutige Wörter und beabsichtigte Ungenauigkeiten enthalte. Der Leser oder die Leserin könne dann «rein-interpretieren», was er oder sie sehe.

Im Gegensatz dazu erwarteten sie vom Naturwissenschaftler Roth eindeutige Ausdrücke, die keinerlei Spielraum in der Auslegung zulassen.

Die Analyse ergab eine differenziertere Sicht. Während der Lyriker Meyer in jahrelanger Arbeit einer präzisen Beschreibung des römischen Brunnens immer näher kam, zeigte sich in Roths Text, dass dort viele Wörter stehen, die vielfältige Assoziationen auslösen.

Gedichte können sehr genau sein, und populärwissenschaftliche Texte zeigen durchaus Unschärfen, die der sprachlichen Formulierung geschuldet sind. Das war die Erkenntnis nach der Doppelstunde.

Solche Einsichten muss man sich erarbeiten, sie zerstören gelegentlich Grundannahmen, die tief in uns verankert sind. Wer lernen will, muss also bereit sein, sich erschüttern zu lassen.

Carolin Emcke sagt: Es ist essenziell, «irritierbar zu bleiben». Die eigenen Ansichten und Meinungen müssen hinterfragbar bleiben. Dann sind neue Erfahrungen möglich, und es tun sich unerwartete Perspektiven auf.

Das gilt zweifellos für die Schule; bei Emcke gilt es umfassender, quasi für das Leben.

Martin Zimmermann

Wochenbrief_2218