Maturarbeiten

Korrigieren macht selten Spass, Maturarbeiten lesen ist aber eine Freude.

Korrigieren macht selten Spass. Vor allem mechanisches Abarbeiten von traditionellen Prüfungen kann belastend sein.

Anders ist es beim Lesen und Beurteilen freieren Aufgaben wie bei Maturarbeiten. In den letzten Tagen war ich als Betreuer und als Korreferent mit einigen dieser Werke beschäftigt. Das machte auf unterschiedliche Art grosse Freude.

Als ersten Punkt möchte ich den Stolz erwähnen, der in allen Maturarbeiten aufscheint. Die Schüler:innen haben etwas erreicht, das ihnen zu Beginn nur schwer bewältigbar erschien. Über Monate hinweg galt es, ein Projekt voranzutreiben, ohne dass der Lehrer oder die Lehrerin mit didaktischen Überlegungen jeden einzelnen Schritt begleitete. Wer am Schluss dann 30 Seiten Text oder einen 45-minütigen Film vorlegt, freut sich, auch wenn sich die kühnsten Hoffnungen nicht erfüllt haben. Die sieben Arbeiten, die ich etwas genauer angeschaut habe, sind aber alle insgesamt gut oder sehr gut.

Zweitens nehme ich an dieser Stelle gerne einige inhaltliche Punkte auf, die mir aufgefallen sind.

Alle gewählten Themen haben einen Bezug zur persönlichen Situation der Verfasser:innen, aber bei keiner der Arbeiten handelt es sich um eine Nabelschau. Die Schülerinnen und Schüler sind nicht in diese Falle getappt, sie haben das Objekt der Untersuchung genügend objektiviert. Das heisst, sie beschäftigten sich mit einer Frage, die in ihrem Leben relevant ist, aber sie spiegelten diese quasi über einer sachliches Thema.

Einige der Maturand:innen wagten etwas und begaben sich in Situationen, die sie noch nicht kannten. Dass sie sich so exponiert haben, beeindruckt mich, und es ist denn auch sehr interessant zu lesen, wie sie mit den Herausforderungen umgegangen sind. Ich denke an den jungen Mann, der im Rahmen seines Projekts in der Volksschule einige Lektionen unterrichtet hatte und dann feststellte, dass es gar nicht so einfach ist, in ungeplanten und überraschenden Situationen vor der Klasse schnell adäquat zu reagieren.

Oder ich denke an die junge Frau, die im direkten Gespräch mit einer Staatsanwältin Geschichten erfuhr, welche nicht in der Zeitung zu lesen sind – zum Beispiel vom Mann, der durch Lügen offenbar einen Freispruch erreicht hatte, was aber dann bei ihm tatsächlich zu einem Sinneswandel geführt hat, der ihm nun ein erfülltes Leben im Rahmen der Gesetze ermöglicht.

Solche Erfahrungen verändern den Blick auf die Welt, und das scheint mir eine zentrale Funktion der Schule und der Maturitätsarbeit zu sein. Es geht darum, durch eine vertiefte Beschäftigung mit etabliertem Wissen und eigener Beobachtung neue Zusammenhänge zu entdecken. Gerne füge ich zum Schluss den Satz von Milo Rau hier noch einmal an, den ich in meinem letzten Wochenbrief eingangs zitiert hatte: «Wissen ist die Vernichtung von Gewissheiten. Wissen ist nicht Information, sondern eine Art von Überblick, der uns aus der Welt der Informationen befreit.»

Martin Zimmermann

Wochenbrief_2247