Neue Wege

Die KUE versucht immer wieder, neue Wege zu gehen. Was das diese Woche heisst, lesen Sie im aktuellen Wochenbrief.

Neue Wege ist im Zusammenhang mit der KUE für einmal ganz konkret gemeint: Als die Schülerinnen und Schüler letzte Woche wieder an die Schule kamen, entdeckten sie, dass die Gemeinde während des Lockdowns am Rand des Schulgeländes einen Durchgang angelegt hatte. Es führt neu ein Verbindungsweg vom Schulhaus über eine kleine Treppe direkt zur Rückseite des Coops. Immer wieder war es früher zu Unmut und Reklamationen gekommen. Einzelne Jugendliche hatten nach Unterrichtsschluss den schnellstmöglichen Weg zum Mittagessen über das Gelände unserer Nachbarn gesucht. Als KUE bedanken wir uns bei der Gemeinde Uetikon, dass sie so schnell und unkompliziert auf das Problem reagiert hat.
Dass Wege abzukürzen nicht einfach Ausdruck von jugendlicher Unbekümmertheit oder Faulheit ist, hat der polnische Künstler Pawel Althamer sinnfällig inszeniert. In Münster, an der renommierten Schau für Kunst im öffentlichen Raum, hat er einen Weg mitten durch ein Gerstenfeld angelegt. Auf der Webseite skulptur projekte münster 07 heisst es zur Arbeit Ścieżka (Pfad): «Der etwa einen Kilometer lange Trampelpfad führte vom Aaseeufer in die ländliche Gegend außerhalb der Stadt (…) Da sich die Sichtbarkeit des Pfades mit dem Wetter, der Jahreszeit und der Benutzung veränderte, variierten die Anforderungen an den Orientierungssinn. Althamer integrierte die Möglichkeit auf ein Abweichen von der vorgegebenen Strecke in sein Konzept, nachdem er bei seinen Aufenthalten in Münster bemerkt hatte, wie streng sich Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen an zugewiesene Wegleitungen halten. Der Bruch mit dem städtischen Regelsystem war somit durchaus als Aufforderung angelegt, die Straßen Münsters zu verlassen und sich querfeldein zu bewegen. Dies unterstrich Althamer, indem er den Pfad von Insassen der Münsteraner Justizvollzugsanstalt austrampeln ließ.» Nicht dass unsere Schüler sich als Insassen einer Vollzugsanstalt verstehen müssen, aber beim Beschreiten des abseitigen Pfades und beim Überqueren der Abschrankung ging es wohl nicht nur um den Hunger, der den Weg diktierte, sondern auch um den Umgang mit Normen.
Normen spielen auch eine Rolle, wenn wir uns nun wieder halbwegs normal zum Präsenzunterricht zusammenfinden dürfen, und zwar nicht nur in Bezug auf Hygiene- und Abstandsregeln. Bei aller Freude über die Rückkehr, ist es eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für die Schülerinnen und Schüler, sich dem Regelbetrieb wieder zu fügen. Das heisst: nicht mehr weitgehend selbstständig über den Tagesrhythmus verfügen zu können, anwesend sein zu müssen an fixen Zeiten, Präsenz zu markieren, auch wenn man abwesend ist, sich wieder in die räumlichen und zeitlichen Strukturen einzufügen, und das für viele Lektionen am Tag. Ihnen wird es wie vielen Erwachsenen gehen, die die positiven Seiten des Home-Office erlebt haben und sich jetzt wegen der offensichtlichen Vorteile eine zumindest teilweise Verstetigung dieser Möglichkeit wünschen. Wir werden an der KUE gemeinsam überlegen, was es hiesse, auch hier neue Wege zu gehen, und ob es nicht sinnvoll wäre, da, wo aus der Not ein Trampelpfad entstand, einen ordentlichen Weg anzulegen.


Jürg Berthold
Wochenbrief 20_25