«Warum sind Menschen eigentlich neugierig», wollten zwei Schülerinnen kürzlich im PPP-Unterricht wissen. Die Frage ist gut, weil sie einerseits Neugier auf einer Metaebene betrachtet (die Schülerinnen waren neugierig zu erfahren, was Neugier ist) und weil Neugier in unserer Gesellschaft öfter als negative Eigenschaft betrachtet wird. Neugierige Menschen gelten schnell als solche, die in den Angelegenheiten anderer herumschnüffeln. Dabei ist Neugier ein Motivator und Lernmotor, der seinesgleichen sucht!
Neugier ist eine unserer ursprünglichen Überlebensstrategien. Sie motiviert, Unbekanntes zu erkunden, Muster zu erkennen und neue Wege zu entdecken. Wenn wir vor Veränderungen, Herausforderungen oder unerwarteten Chancen stehen, entscheidet unsere Fähigkeit zur Neugier oft darüber, ob wir uns von Unsicherheit einschränken lassen oder mit Offenheit und Lernbereitschaft wachsen.
Neurobiologisch betrachtet ist Neugier mit dem Dopaminsystem verbunden. Dieses fördert die Motivation, Neues und Überraschendes zu erkunden. Haben wir es mit einem Problem oder einem Hindernis zu tun, drängt das Dopaminsystem, die Hürden zu überwinden. Sobald wir die die Lösung haben, wird Dopamin ausgeschüttet und wir fühlen uns bestätigt. Der Lernprozess, der durch die Neugier angestossen und durch Ausdauer und Motivation aufrechterhalten wurde, endet mit der Bildung neuer Synapsen – neuer Schaltstellen zwischen den Neuronen: Wir verzeichnen einen Wissenszuwachs und sind um eine Erfahrung reicher (und schlauer). Auch das Gedächtnis reagiert auf Neugier, indem es besonders empfänglich für Reize wird und Informationen schneller und besser speichert. Neugier fördert sogar die Stresstoleranz, weil wir damit trainieren, besser mit Unsicherheit umgehen zu können.
Neugier ist uns angeboren. Gemäss der «Information Gap Theory» wollen Menschen Wissenslücken schliessen und offene Fragen klären – sofern sie sich in psychologischer Sicherheit befinden. Herrscht hingegen ein Klima der Angst, verlieren Menschen ihre Neugier. Kindern hilft Neugier, die Welt zu erkunden und sich zu entwickeln. Jugendliche in der Pubertät sind gar ausgesprochen neugierig, weil ihr Kontrollsystem (präfrontaler Kortex), das die Risikobereitschaft kontrollieren sollte, weniger gut funktioniert. Jugendliche suchen geradezu nach Neuem, Abwechslung und Aufregung. Sie nutzen die Gunst der Stunde, um neugierig sich selbst und die Welt zu erforschen und ihre eigene Identität zu finden.
Menschen, die in Ihrem Leben neugierig bleiben, erweitern ihr Denken (Broaden-and-Build-Theory von Barbara Fredrickson), sie entwickeln mehr kognitive Flexibilität, gehen eher Beziehungen zu anderen Menschen ein und fördern die Selbstwirksamkeit, also den Glauben an die eigenen Fähigkeiten. Neugier ist deshalb ein Resilienzfaktor.
Menschen sind also neugierig, weil sie nicht anders können – solange sie nicht durch Angst gebremst werden. Sie sollten es auch bleiben, denn Neugier ist ein «Future Skill» der Extraklasse. Übrigens, Neugier kann einen sogenannten «Ripple Effekt» produzieren. Das heisst nichts anderes, als dass Neugier ansteckend wirkt.
Wer wenig Neugier hat, vermeidet Neues, lernt in der Folge weniger, stagniert, ist weniger kontaktfreudig und zieht sich zurück – wenig Neugier erhöht damit das Risiko für Stress und psychische Krankheiten.
Einige Menschen sind neugieriger als andere. Das ist mit allen Eigenschaften und Haltungen, die Menschen haben, so. Neugier kann man aber auch trainieren, indem man sich entscheidet, bewusst offener auf Menschen, Situationen und Herausforderungen zuzugehen und sich inspirieren zu lassen. Neugier kann so zu einer Charakterstärke werden, die sich selbst nährt, also intrinsisch motiviert ist. Im Unterricht wird Neugier vor allem dort gefördert, wo psychologische Sicherheit herrscht (kein Angstklima), wo der Stoff an die Lebenswelt der Jugendlichen anknüpft und wo die Anforderungen nicht so hoch sind, dass Überforderung entsteht.
Zum Glück gehört Neugier zum KUE-Spirit. Sie zeigt sich in der Haltung aller, die hier ein und ausgehen. Sie gehört an jede Schule, denn «wer nicht neugierig ist, erfährt nichts» (Johann Wolfang von Goethe).
Mirta Boesch, Lehrerin für Psychologie