Die Bemerkung eines Kinder- und Jugendpsychiaters neulich geht mir nicht mehr aus dem Kopf: «Was ihr an der Schule macht, das ist Hochleistungssport. Aber wenn jemand im Sport nach einer Verletzung zurückkehrt, nimmt er zunächst einfach am Training teil. Erst allmählich wird er wieder an Wettkämpfen teilnehmen.» Mit dem Vergleich wollte der Psychiater den Anwesenden aufzeigen, warum seine Patientin einen sanften Einstieg brauchte. Warum die Teilnahme an allen Lektionen am Anfang eine Überforderung ist und warum das Erbringen von Leistungsnachweisen erst nach und nach wieder auf dem alten Niveau erfolgen kann.
In der Arbeitswelt sind Teilkrankschreibungen gang und gäbe. Wenn jemand die Arbeit nach längerer krankheitsbedingter Abwesenheit wieder aufnimmt, kann es angezeigt sein, dass das nicht gleich wieder mit allen Aufgaben geschieht. Hat jemand die Hand gebrochen, ist es offensichtlich, dass noch nicht alles wieder geht. Aber das gilt auch bei Erkrankungen, die nicht so sichtbar sind. Mit Blick auf die Erfolgsaussichten im Heilungsprozess kann es oft sinnvoll sein, erst allmählich die Belastungen hochzufahren. Auch so ist die Gefahr noch gross genug, dass man in alte Muster verfällt und neu eingeübte Copingstrategien wieder verdrängt werden.
Im schulischen Umfeld ist es auch so, dass wir mit Teilkrankschreibungen einen sanften Wiedereinstieg ermöglichen können, aber – nur für Lehrpersonen. In Bezug auf Schülerinnen und Schülern bekunden wir als Institution eigentümliche Schwierigkeiten, analoge Lösungen zu finden. Es scheint, als gäbe es nur die binäre Logik: Entweder ist man weg oder man ist da. Und da zu sein bedeutet: Man muss immer anwesend sein – auch in den frühen Morgenstunden, an langen Tagen mit wenig Pausen und bei den Prüfungen.
Es geht hier nicht um jene Schüler, die eine Erkältung vorschieben, um nicht an einer Prüfung teilnehmen zu müssen. Oder die morgens angeblich eine Magenverstimmung hatten und dann nur für die Prüfung am Nachmittag erscheinen, für die sie am Vormittag noch gelernt haben… Ich spreche von sehr ernsthaft erkrankten jungen Menschen, die eine lange Leidensgeschichte haben und deren körperliche oder seelische Verfassung ihnen bittere Grenzen auferlegt. Junge Menschen, die eigentlich die Zeit der Jugend geniessen möchten, die aber auch Ziele erreichen wollen und die durch eine schwere Krankheit daran gehindert werden.
In diesen Fällen stösst das System an Grenzen. Zieht sich ein Leiden hin und wäre eine langsame Wiedereingliederung nötig, müsste es, analog zum Arbeitsumfeld, eine Teilkrankschreibung geben – mit entsprechenden Freiräumen und Möglichkeiten der stufenweisen Rückkehr zum Alltag. Das Absenzen- und das Promotionsreglement bieten da leider nur wenig Spielraum und sind letztlich wenig hilfreich. Dabei kann jemand auf die Tagesstruktur der Schule und das soziale Umfeld angewiesen sein, um zu genesen. Für diese Menschen sollte es möglich sein, wieder am Training teilzunehmen – und sei es nur, um vom Spielfeldrand aus zuzuschauen –, ohne gleich in den Wettkampfmodus wechseln zu müssen.
Es zeigt sich, dass das System sehr schnell harsch reagiert. Bei Fachlehrpersonen kann sich der Verdacht einschleichen, dass eine Krankheit vorgeschoben wird. Klassenlehrpersonen können nur schon durch die Menge an schwierigen Geschichten in ihren Klasse an Grenzen kommen. Klassenkolleg:innen wittern vielleicht eine Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes. Solche Reaktionen haben oft auch damit zu tun, dass die involvierten Personen – angefangen bei der Ärztin über die Schulleitung bis zur Klassenlehrperson – nicht darüber sprechen können, was das Problem ist. Die Schweigepflicht, die die kranke Person schützen soll, erschwert in diesen Fällen die Situation.
An der KUE sind wir bemüht, Lösungen zu finden, die helfen. Wir lassen uns dabei von Fachleuten aus Medizin und Psychologie unterstützen. Eine Lösung kann sein, dass wir für jemanden einen Raum für die dringende Mittagsruhe schaffen, wir die Anwesenheitspflicht reduzieren oder die Auflagen lockern. Innerhalb der gängigen Reglemente ist das, wie erwähnt, nicht immer leicht. Und je näher die Abschlussprüfungen rücken, desto enger wird es. Deshalb bräuchte es kantonale Lösungen, um das Problem, das es an allen Mittelschulen gibt, auf der Ebene der reglementarischen Bestimmungen zu lösen.
Jürg Berthold
WB_14_2026