Regeln zu befolgen scheint etwas Gutes zu sein. Vor allem Regeln, denen man grundsätzlich zustimmt. Dass der Ausdruck «Dienst nach Vorschrift» negativ gemeint ist, ist vor diesem Hintergrund zunächst verwunderlich. Er verweist darauf, dass es mehr braucht als das, was vorgegeben ist. Dass Handeln mehr ist als das Vollziehen von Vorgaben. Eine Lehrperson, die ohne innere Beteilung ein Programm abspult und nur das Nötigste macht, ein Schüler, der zwar anwesend ist, aber sich gar nicht auf den Unterricht einlässt, eine Schulleitung, die eine Schule nur verwaltet und sich auf externe Vorschriften bezieht, aber die vorhandenen Spielräume nicht gestaltet … sie alle erfüllen zwar die Regeln und spielen das Spiel mit, aber Entscheidendes fehlt.
In seinem neuesten Buch Situation und Konstellation (2026) beschreibt der deutsche Soziologe Hartmut Rosa gesellschaftliche Phänomene mit dem titelgebenden Gegensatz und erzählt die Geschichte der Moderne als Geschichte der zunehmenden Verrechtlichung und Reglementierung, als ein sich Durchsetzen von «Konstellationen» oder, wie es im Untertitel heisst, als ein «Verschwinden des Spielraums». Wichtig ist zu verstehen, dass das zunächst ein durchaus positiver Prozess ist: Es geht um die Zähmung der Mächtigen durch Regeln, um Vereinheitlichung mit Blick auf mehr Gerechtigkeit, um die Vermeidung von Willkür. Die Kehrseite davon ist, so Rosa, dass Handelnde immer mehr zu Vollziehenden und Ausführenden werden und sich hinter Vorschriften verstecken. Um sich Entscheidungen zu erleichtern, um weniger Verantwortung übernehmen zu müssen, um nicht belangt werden zu können.
Blickt man mit der von Rosa vorgeschlagenen Unterscheidung auf die Schule, fallen einem viele Aspekte auf. Mit den Absprachen zwischen den Kantonsschulen und den Vorgaben durch das Mittelschul- und Berufsbildungsamt werden Entscheidungen von den Schulen weggenommen; das ist einerseits entlastend und hat die erwähnten positiven Effekte der Gleichbehandlung. Andererseits fühlen sich Entscheide oft nicht ganz richtig an, weil mit dem Verschwinden des Spielraumes auch die Würdigung der individuellen Situationen entfällt. Dieser Vorgang wiederholt sich auf der Ebene der Schule: Absprachen im Kollegium entlasten die einzelne Lehrperson. Zuspätkommen ist dann nicht nur bei ihr nicht erlaubt und muss eingetragen werden. Andererseits drohen die vielleicht guten Gründe, aus denen jemand zu spät kommen kann, irrelevant zu werden. Wer immer an Präzedenzfälle denkt in der Angst, dass jemand ihn damit erpressen könnte, konsequent sein zu müssen, hat schon verloren. Da die Wirklichkeit eine Abfolge von singulären Situationen darstellt, gibt es streng genommen keine Präzedenzfälle.
Was es braucht, sind Vertrauen, Fingerspitzengefühl, Augenmass und Urteilskraft. Vertrauen, weil ein System, das prinzipiell nicht lückenlos reglementiert werden kann, darauf zählen muss, dass alle Beteiligten eben mehr als Dienst nach Vorschrift machen. Fingerspitzengefühl, weil kontextsensibles Handeln ein feines Gespür für die richtige Dosierung verlangt, eine behutsame situative Kontaktaufnahme, die nicht alles über einen Leisten schlägt, und Augenmass, das die Proportionen wahrt und auch mal fünf gerade sein lassen kann. Urteilskraft ist gefragt, wo Regeln zwar bestehen, aber auch angewendet werden müssen. Da die Anwendung von Regeln aus prinzipiellen Gründen nicht über neue Regeln geregelt werden kann, braucht es die Beherztheit und den Mut des eigenen Urteils – in der Gewissheit, dass man auch mal daneben liegen und eine Sache falsch einschätzen wird. Eine gute Schule, so meine Überzeugung, hat klare Regeln. Aber auch ein Bewusstsein dafür, dass sich nicht alles regeln lässt, und den Mut, die Regeln zu beugen, wo sie dem Wohl der Menschen entgegenstehen.
In der aktuellen Herbstthemenwoche sind viele Lehrpersonen mit ihren Klassen unterwegs, auf den Studienreisen auch in Gruppen von Schüler:innen, die sie nicht kennen. Für das Verhalten unterwegs gibt es klare Regeln – und das ist gut, denn sie dienen der Sicherheit und der erfolgreichen Durchführung der Woche. Es wird aber unzählige Situation geben, die unvorhergesehen und letztlich nicht geregelt sind. Ich wünsche allen Augenmass und Fingerspitzengefühl, situativ angemessen zu reagieren und die richtigen Entscheidungen zu treffen. In diesem Sinne vertraue ich darauf, dass die Spielräume genutzt, aber nicht ausgenutzt werden – von allen Beteiligten – und wünsche allen erlebnisreiche Wochen.
Jürg Berthold
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