Die «Blocus», die Blockaden der Schulen, insbesondere der Gymnasien und Universitäten, haben in Frankreich Tradition. Es kommt fast jedes Jahr vor, dass an einigen Schulen oder Universitäten die Schülerinnen und Schüler nach der Rentrée die Schulen verbarrikadieren, um gegen die Zustände im Bildungswesen zu protestieren.
So war auch der Ausgangspunkt für die seit Wochen anhaltenden landesweiten Proteste eine Schulblockade am Lycée Saint-Exupéry in Créteil, einer Stadt südöstlich von Paris. Die Schüler:innen unterstützten ihre Lehrpersonen, die darauf aufmerksam machen wollten, dass der Schule für das kommende Schuljahr zu wenig Personal zur Verfügung stehe. Dass Lehrpersonen fehlen, im Krankheitsfall gar nicht oder nur durch weniger gut ausgebildete stellvertretende Hilfslehrer:innen ersetzt werden, wurde dann neben dem schlechten Zustand der Schulgebäude der wichtigste Kritikpunkt der Schülerproteste im ganzen Land.
Die Unterrichtsausfälle sind nicht deshalb nur mühsam, weil französische Schüler:innen mehr Stunden pro Tag in der Schule verbringen als ihre Altergenoss:innen in allen anderen europäischen Ländern (nämlich oft von 8 bis 18 Uhr), so dass die vielen Freistunden die Länge des Schultags noch sinnloser erscheinen lassen. Die vielen ausfallenden Stunden können auch essenzielle Konsequenzen für die Bildungslaufbahn der Schüler:innen haben. Denn auch in Abschlussklassen werden Lehrpersonen teilweise nicht ersetzt, so dass die Schüler:innen ungenügend auf die zentralen Abschlussprüfungen vorbereitet werden. Da die Abschlussprüfung, das Baccalauréat, zentral organisiert ist und alle Schüler:innen anschliessend mit dem Parcoursup ein zentrales, staatliches Online-Zulassungsverfahren für Studienplätze in Frankreich durchlaufen müssen, ist die Frage der Vorbereitung auf die Prüfung entscheidend. Alle Jugendlichen stehen in Konkurrenz zueinander und durch die ungerechte Ressourcenverteilung je nach Lage und Einzugsbereich der Schule entsteht Ungleichheit. Zur Wut der Schüler:innen trägt ausserdem bei, dass die Mechanismen des Auswahlsystems, das teils auf einem Algorithmus und teils auf der Auswahl durch die Fakultäten beruht, undurchsichtig sind. Und der Bewerbungsvorgang ist komplex: Die Schüler:innen müssen neben ihren Zeugnissen und allen möglichen anderen Dokumenten auch Motivationsschreiben und einen Lebenslauf einreichen, für manche Studiengänge ist zum Beispiel der Nachweis von gesellschaftlichem Engagement günstig. Das Procedere überfordert die Jugendlichen, zumal sie dieses parallel zu den Abschlussprüfungen erledigen müssen. Deshalb hat sich ein neuer Dienstleistungssektor entwickelt: Eltern zahlen bis zu 2000 Euro für Unternehmen, die ihre Kinder bei der Vorbereitung des Parcoursup coachen.
Zwar kaufen auch in Zürich Eltern die Unterstützung für die Überwindung einer schwierigen Hürde im Bildungssystem ein: Die je den finanziellen Möglichkeiten des Elternhauses hohen Aufwendungen für die privaten Vorbereitungskurse führen jedes Jahr wieder zu starker Kritik an der Aufnahmeprüfung. Aber abgesehen davon ist die Situation an den Schweizer Gymnasien mit der an französischen Lycées nicht vergleichbar. Trotz grosser Klassen im Kanton Zürich und trotz Hitzeproblemen in älteren Schulhäusern sind wir von den Ressourcenproblemen der französischen Schulen weit entfernt.
Dennoch stimmen die Vorgänge in Frankreich nachdenklich. Es fragt sich, warum die Proteste gerade jetzt so eskaliert sind. Eine These vieler Medien lautet, dass die Jugendlichen das Vertrauen in die Politik verloren haben. Sie glauben nicht, dass sich die Regierenden ihrer Probleme annehmen werden. Sind die Proteste aber vielleicht auch ein Symptom für die Verunsicherung einer ganzen (europäischen) Generation? Reagieren die Jugendlichen auf die mangelnden Ressourcen so heftig, weil sich angesichts der Weltlage ihre Zukunftsängste verstärkt haben? Klimawandel, Kriege und die ungewissen Auswirkungen der KI auf den Arbeitsmarkt verunsichern die junge Generation massiv. Und zu viele politische Entscheidungen werden auf Kosten der jungen und der kommenden Generationen getroffen. Das gilt für alle Länder.
Die Jugendlichen wollen gehört werden, sie wollen, dass ihre Sorgen ernst genommen werden und dass nicht über sie hinweg – und oft zu ihren Ungunsten – entschieden wird. Sie in dieser Forderung zu bestärken und ihr Interesse an demokratischer Mitbestimmung zu fördern ist Aufgabe der Schulen.
Eugenie Bopp