Vom Glück, eine neue Sprache zu lernen

Warum man als Sprachlehrperson ab und zu in die Rolle der Schüler:innen schlüpfen sollte und was Sprachenlernen mit Rebellion zu tun hat.

Bild von Gino Crescoli auf Pixabay

Wenn ich von meinen Klassen gefragt werde, warum ich Französisch und Spanisch studiert habe und ob ich bilingue aufgewachsen sei, antworte ich: Studiert habe ich diese Fächer, weil ich es liebe, Sprachen zu lernen und als «nicht-bilingue» habe ich alle neuen Sprachen so gelernt, wie ihr bei mir Französisch lernt. Aber liegt dieses Lernen nicht schon zu lange zurück, um gewisse Sprachhürden meiner Schüler:innen zu verstehen?  Im Unterricht befinde ich mich diesbezüglich ja in einer privilegierten Situation: mich auf Französisch auszudrücken, kostet mich keine Anstrengung mehr.

Als «Sprachen-Nerd» reizte es mich schon seit langem, wieder einmal in eine unbekannte Sprache einzutauchen, und so habe ich vor einiger Zeit mit Schwedisch angefangen – insbesondere wegen der schönen Sprachmelodie. Ich habe es richtiggehend genossen, zu Beginn nichts zu verstehen, im Vertrauen darauf, dass irgendwann der Punkt kommen würde, an welchem das Gehirn den «Code» der Sprache knackt. Das Glücksgefühl, welches sich in diesem Moment einstellt, ist unvergleichlich. Diese Begeisterung packt mich auch, wenn ich realisiere, dass ich in der neuen Sprache plötzlich einer Konversation zwischen zwei Muttersprachlern folgen kann. Wenn ich bei einem Film die Untertitel ausschalten kann oder ich mich im Nachgang nicht mehr daran erinnere, in welcher Sprachversion ich einen Film gesehen habe.

Es gibt aber natürlich auch Momente des leisen Frustes, besonders, wenn es um das spontane Sprechen im Alltag geht, welches sich bekanntlich nicht mit Hörverstehen trainieren lässt. Dazu muss man in die Welt hinaus und sich in die unangenehme Situation begeben, dass man etwas sagen möchte und einem dazu die Worte fehlen. Auch das habe ich in Schweden erlebt – und unsere 5. Klässler:innen werden sich schon bald im «Stage» dieser Herausforderung stellen.

Vielleicht wäre es gerade auch uns Sprachlehrpersonen zu empfehlen, ab und zu wieder «Anfänger:innen» zu sein. Natürlich versuchte ich auch schon vor meinem jüngsten Sprachabenteuer, meinen Schüler:innen mit Verständnis zu begegnen. Trotzdem ist es äusserst lehrreich, sprachliche Unzulänglichkeit selbst zu spüren. Sich in einer neuen Sprache auszudrücken, verlangt jedes Mal einen Effort – das möchte ich auch bei meinen Schüler:innen honorieren.

Für mich persönlich ist Sprachenlernen aber nicht primär eine Anstrengung, sondern ein Weg zum Glück. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass man mit jeder Sprache, in welcher man sich auszudrücken lernt, sozusagen ein neues Zimmer an sein Gedankenhaus anbaut. Jede Sprache fühlt sich anders an beim Sprechen, Zuhören, Denken, Formulieren. Und diese Vielfalt an Melodien und Mustern im Kopf macht mich glücklich. Auf Tschechisch gibt es ein Sprichwort, welches lautet: «Kolik jazyků znáš, tolikrát jsi člověkem.» Es bedeutet in (ungelenker) Übersetzung: «So viele Sprachen du sprichst, so viel bist du ein Mensch.» Es meint, dass uns jede neue Sprache auch ein wenig zu einem neuen Menschen macht.

Und noch ein letzter Gedanke zum Glück des Sprachenlernens.

In unserer atemlosen Zeit, in welcher alles darauf abzielt, den Menschen und sein Denken zu optimieren, schneller, effizienter und sogenannt «erfolgreicher» zu machen, erscheint mir die eben beschriebene Form des Glücks fast schon als Akt der Rebellion gegen den Zeitgeist. Wozu sollte man sich noch die Mühe machen, in kleinen Schritten eine Sprache zu lernen? Was bringt das? Die Antwort ist simpel: Es macht glücklich.

Diese Form von Glück wäre stets in Reichweite, dazu müssen wir uns nur mit Kopf, Herz und Geduld auf etwas einlassen: eine Sprache lernen, mit Musse den Garten umgestalten, einen neuen Tanzstil üben. Dieses Glück lässt sich weder kaufen, in seinem Kern effizient gestalten, noch vermarkten. Es ist zweckfrei und gehört dafür niemand anderem als uns selbst. 

Karin Kind