Vom Wesen der Absenzen

Das Absenzenwesen ist ein kompliziertes Ungetüm. Warum die Gymnasien nicht darauf verzichten können, erfahren Sie im aktuellen Wochenbrief.

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Das Absenzenwesen ist ein Ungetüm. Es hat viele Arme, die an den Schülerinnen und Schülern, an den Lehrpersonen, der Schulleitung und den Eltern ziehen. Es verlangt nach Einträgen, Nachrichten, Unterschriften und Stempeln. Wird das Wesen zu wenig mit diesen Dingen gefüttert, ist es unzufrieden und muss mit morgendlichem Anmelden, Arbeiten beim Hausdienst und Arztzeugnissen besänftigt werden, denn sonst entlädt sich seine Wut in Form von Ermahnungen und Verweisen.

Das Absenzenwesen ist ein empfindsames und kompliziertes Wesen, weil es viele Gründe gibt, warum Schüler:innen nicht in den Unterricht kommen – berechtigte und weniger berechtigte – und weil es einen Unterschied macht, ob diese Gründe angegeben werden oder nicht. Das Absenzenwesen hat viel mit Kommunikation zu tun, denn das Fernbleiben vom Unterricht betrifft nun einmal nicht nur denjenigen, der fehlt, sondern auch diejenigen, die das Fehlen wahrnehmen.

In einem Gespräch wegen vieler Absenzen sagte eine Schülerin (6. Klasse) neulich zu mir und ihrem Klassenlehrer, sie gebe sich ja Mühe, möglichst viel in die Schule zu kommen, aber es sei bei ihr eben viel los: Ihr Training nehme viel Zeit ein und sie habe neben der Schule noch einen Job. Sie hatte wenig Verständnis für unser Anliegen, dass sie keinen Unterricht mehr verpassen sollte. Hinter mir hörte ich das tiefe Knurren des Wesens und sprach schnell eine strenge Ermahnung und eine Auflage für die Schülerin aus, um es zu beruhigen.

Dass es mit zunehmendem Alter Schüler:innen teilweise schwerfällt, die am Gymnasium geltende Präsenzpflicht zu akzeptieren, hat verschiedene Ursachen: Sie kämpfen mit dem frühen Aufstehen und der Konzentration am Morgen, empfinden das gemeinsame, zeitgleiche Arbeiten als einengend, und stellen die Sinnhaftigkeit von Unterrichtsinhalten oder -methoden eher in Frage als jüngere Schüler:innen. Sie erlauben sich daher ab und an – in krassen Fällen sogar mehrmals pro Woche – nicht oder nur teilweise den Unterricht zu besuchen. In der Folge muss das Absenzenwesen gefüttert werden, es wächst und breitet sich aus, raubt Energien und Zeit, und viele Schulangehörige stellen sich die Frage, was das Ganze soll.

Ist es nicht widersinnig, auf der Anwesenheit der Schüler:innen zu bestehen, wenn sich diese doch freiwillig für die gymnasiale Ausbildung und damit für den Besuch des Unterrichts entschieden haben? Und ist im Zeitalter der Digitalisierung Bildung nicht auch ohne Anwesenheit des Lernenden möglich?

Zur ersten Frage: Wir haben es mit Jugendlichen zu tun, deren intrinsische Motivation über den über langen Zeitraum von vier oder sechs Jahren aufgrund ihrer Entwicklung nicht gleichbleibend sein kann – schon gar nicht in jedem Fach. Und zur zweiten Frage: Es geht nicht nur um den reinen Wissenserwerb. Wenn die Gymnasien an einer Präsenzpflicht festhalten und diese mit oft ausgeklügelten Regeln durchzusetzen versuchen, hängt das mit dem wichtigsten Bildungsziel des Gymnasiums zusammen: der persönlichen Reife der Maturand:innen. Um diese zu erlangen, soll «die geistige Offenheit und die Fähigkeit zum kritischen Denken und selbstständigen Urteilen gefördert» werden, wie das Maturitätsanerkennungsreglement vorgibt. Dieses nennt als weitere Ziele auch die Entfaltung der Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit, in Gruppen zu arbeiten. All das lernt man nicht allein vor dem Bildschirm.

An der KUE arbeitet im Moment eine Arbeitsgruppe an der Bändigung des Wesens. Wird es gelingen, einige Arme des Ungetüms zu kappen und es an weniger Aufmerksamkeit zu gewöhnen, ohne vom Grundsatz der Anwesenheitspflicht abzuweichen?

Eugenie Bopp