«Wir sind im Wallis eingeschneit»

Gedanken zu den Schneemengen der Sportferien finden sich im aktuellen Wochenbrief.

(Photo by Edo on Unsplash)

Mitten in den Sportferien erreicht uns eine SMS meiner Schulleitungskollegin: «Wir sind im Wallis eingeschneit. Ich weiss nicht, ob ich zum Semesterstart an der KUE sein werde.»

Eingeschneit. Ein Wort, das nach Postkartenidylle klingt, in der Realität aber bedeutet: Pläne ändern sich, Wege sind blockiert, man muss improvisieren. Vermutlich haben in diesen Ferien einige Angehörige der KUE Ähnliches erlebt.

Schnee verändert den Blick. Vertraute Wege sehen anders aus, Geräusche werden gedämpft, alles wirkt weicher. Das Gewohnte tritt etwas zurück. Man geht langsamer, schaut genauer hin. Vielleicht, weil man muss – vielleicht aber auch, weil es guttut.

Darin erkenne ich Parallelen zu unserem Schulalltag. Wenn es leiser wird, entsteht Raum. Raum zum Denken, zum Sortieren, zum Durchatmen. Stille ist heute selten geworden, gerade auch in der Schule. Umso wertvoller sind Momente, in denen nicht sofort reagiert, bewertet oder weitergeplant werden muss. Lernen braucht solche Phasen. Gedanken dürfen sich setzen, Ideen reifen. Wie eine Schneedecke die Landschaft beruhigt, kann auch ein Moment bewusster Ruhe Klarheit schaffen.

Seit etwas mehr als einem Jahr gibt es an der KUE unseren Ruhearbeitsraum. Noch wird er nicht immer ganz so genutzt, wie wir es uns ursprünglich vorgestellt haben – die bequemen Sofas laden durchaus auch zu entspannten Runden unter Kollegen mit einer gemeinsamen Gaming-Session ein. Und doch erlebe ich ihn oft genau so, wie er gedacht ist. Wenn ich im Nachbarzimmer unterrichte und kurz hinübergehe, treffe ich Schüler:innen in vertiefter Lektüre an. Eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre liegt im Raum. Manche Jugendliche fragen sogar, ob sie nach Schulschluss noch etwas bleiben dürfen, um in dieser Stille weiterzuarbeiten. Solche Momente zeigen mir, wie sehr dieser Raum gebraucht wird.

Mit dem Schnee verändert sich auch das Tempo. Wege dauern länger, man setzt die Schritte bewusster. Was zunächst wie eine Verzögerung wirkt, kann eine andere Qualität haben: Man wird sorgfältiger, überlegter. Auch Lernen verläuft selten geradlinig und schon gar nicht im Eiltempo. Manches braucht mehrere Anläufe. Und oft erkennen wir erst im Rückblick, was in dieser Zeit gewachsen ist.

Unter der Schneedecke scheint alles still – und doch passiert etwas. Wurzeln festigen sich, Kräfte sammeln sich für den kommenden Frühling. Dieses Bild gefällt mir. Nicht jede Phase bei jungen Menschen ist sichtbar oder spektakulär. Manchmal wirkt es nach aussen ruhig oder sogar stagnierend. Doch innerlich wird gearbeitet: an Fragen, an Zweifeln, an neuen Perspektiven. Entwicklung geschieht häufig leise.

Gegen Ende der Ferien dann eine zweite SMS: «Die Strassen sind wieder offen – wir sind auf dem Weg nach Hause.» Im Rückblick klang darin etwas mit, das ich gut nachvollziehen kann: Es war seltsam, so reduziert zu sein und das Dorf nicht verlassen zu dürfen. Und gleichzeitig hatte es etwas Gemütliches und Erholsames.

Vielleicht liegt genau darin die Erfahrung dieser Tage: Reduktion als ungeplante Chance. Dazu passt auch der letzte Satz in unserer Charta: «Wo der Lehrplan die Möglichkeit zu Auswahl und Reduktion bietet, machen wir davon Gebrauch, im Wissen darum, dass weniger oft mehr ist. Wichtig sind – auch im Hinblick auf die Hochschulreife – grundlegende Einsichten in Zusammenhänge und nicht Detailkenntnisse.»

Ich wünsche allen Angehörigen der KUE einen ruhigen und gelassenen Start ins Frühlingssemester.

Karin Hunkeler

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