Wir Fünftklässler:innen der KUE stiegen offiziell Mitte Januar in den Prozess der Maturitätsarbeit ein: Am Kick-off-Tag, dem 17. Januar 2026, konnten wir erstmals auf unsere bevorzugte Betreuungsperson zugehen. Viele hatten sich bereits Gedanken gemacht. Am 26. Februar – also mehr als einen Monat später – hat der Konvent noch nachträglich Änderungen zur Maturitätsarbeit beschlossen.
Die Änderungen sind nicht unbedeutend: Neu sind zwei Bewertungsgespräche im Verlauf des Arbeitsprozesses (zusätzlich zu den bereits mindestens vorgesehenen sechs Treffen), die je 25 Prozent der Prozessnote ausmachen. Hinzu kommt ein obligatorisches Fachgespräch, im Januar 2027, das 15 Prozent der Gesamtnote beiträgt.
Diese Massnahmen haben einen nachvollziehbaren Hintergrund. Heute, in einer Zeit, in der KI-Werkzeuge so einfach zugänglich sind wie nie zuvor, ist die Frage, wie viel einer Maturarbeit wirklich von uns Schüler:innen stammen, weiter in den Vordergrund gerückt. Die Bewertungsgespräche sollen prüfen, ob man das zu lesende Material nicht einfach nur ChatGPT übergeben hat. Das Fachgespräch soll dasselbe nochmals am Ende des Prozesses sicherstellen. In der Absicht liegt also durchaus eine Berechtigung.
Unabhängig davon, ob die Änderungen inhaltlich sinnvoll sind, stellt sich die Frage nach dem Zeitpunkt. Am 27. November 2025 wurde am Informationsanlass zum Maturjahr das ursprüngliche Vademecum vorgestellt. Es wurde vermerkt, dass Änderungen vorbehalten seien – der Zeitplan jedoch solle bleiben. Einen Monat nach dem offiziellen Prozessbeginn wurde die sogenannte «Wegleitung für die Maturitätsarbeit» mit dem alten «Vademecum» ersetzt.
Besonders konkret wird das Problem beim KI-Nachweis. Wer zu Beginn des Prozesses KI eingesetzt hat, wusste schlicht nicht, wie sie oder er das später würde dokumentieren müssen. Weder welches Format erwartet werden wird noch welche Detailtiefe. Die Nutzung von KI muss in einer schriftlichen Reflexion aufgenommen und im Raster «Verwendung von KI» angegeben werden – rückblickend eine anspruchsvolle Aufgabe.
Die Wegleitung kämpft an zwei Fronten zugleich. Zum einen versucht sie, sehr viel zu regeln: Gesprächsformate, Nachweispflichten, Prozentsätze. Zum anderen bleibt sie dort unscharf, wo Klarheit besonders wichtig wäre. In Kapitel 4.1 heisst es beispielsweise, wir Schüler:innen sollen «rechtzeitig» Unterstützung bei unserer Betreuungslehrperson holen, wenn eine Hürde in Sicht kommt. Was «rechtzeitig» bedeutet, bleibt offen. Uns wird auch immer wieder an jeder Ecke gesagt, wir sollen viel und regelmässig Kontakt zu unserer Betreuungsperson pflegen. Dabei ist aber unklar, wie «viel» hier definiert wird. Was wird von uns erwartet? Wöchentliche Updates, zweiwöchentliche oder soll man täglich eine Teams-Nachricht schreiben? Diese Kombination aus Überreglementierung und schwammiger Sprache schafft an vielen Orten Unsicherheit statt Orientierung. Einerseits heisst es auf den ersten Seiten der Wegleitung, im Vorwort: «Selbständig werden die künftigen Maturand:innen eine Vielfalt von Entscheidungen zu fällen haben, die zu einem präsentierbaren, eigenständigen Produkt führen.» Andererseits will die Wegleitung alles reglementieren. Wo bleibt da die Selbstständigkeit?
Die Maturitätsarbeit deckt ein weites Spektrum ab, es ist fast alles möglich: wissenschaftliche Untersuchungen in MINT-Fächern auf der einen Seite, kreative Arbeiten in Musik, Bildnerischem Gestalten oder Sprachen auf der anderen. Die neuen Bewertungsgespräche sind erkennbar auf Erstere zugeschnitten – dort, wo es tatsächlich Studien zu lesen und Methoden zu erklären gibt. Für eine Komposition, ein Kunstprojekt oder einen literarischen Text greift das Format schlecht.
Was für eine empirische Arbeit sinnvoll ist – zu zeigen, dass man die verwendeten Quellen wirklich gelesen und verstanden hat –, kann für eine kreative Arbeit befremdlich wirken. Kreative Prozesse folgen anderen Logiken, haben andere Hürden und brauchen andere Formen der Begleitung.
Nichtsdestotrotz: Die Maturitätsarbeit ist eine tolle Sache! Man darf sich mit allem auseinandersetzen, was einen interessiert – und das obendrein mit der bevorzugten Lehrperson. Das Beste: Da die Arbeit mehr als ein halbes Jahr dauert, kann man dort als Schüler:in wirklich zeigen, wozu man fähig ist. Anders als bei einer Prüfung, einer Momentaufnahme, bei der ein schlechter Tag alles zunichtemachen kann, wird hier über lange Zeit bewertet, was man wirklich kann und zeigen möchte. Unterstützend wird nicht nur das finale Produkt – das bei unterschiedlichsten Arbeiten ganz anders aussehen kann –, sondern auch viele andere Facetten benotet: der Arbeitsprozess, die Präsentation am Schluss und das Fachgespräch, was zu einer fairen Gesamtwürdigung führt. Die MA – wie wir Schüler:innen lässig im WhatsApp-Chat schreiben – fördert Selbstkompetenzen, inhaltliche Vertiefung, Sozialkompetenzen und vieles mehr, die entscheidend für das spätere Leben sind. Und dennoch: Regeln schützen zwar vor Missbrauch, aber zu viele Regeln schützen auch vor Eigenverantwortung.
Valentina von Krauland, Schülerin der 5b