«Ebenso neu wie kühn»

Emilie Kempin-Spyri. Rahel Grunder. Ein lebhafter Deutschunterricht.

Emilie Kempin-Spyri und Rahel Grunder.

Auf dem Set beeinflusse die eigene Stimmung massgeblich die aller Anwesenden. Was erst als Behauptung im Raum steht, wird schnell auch am vergangenen Mittwochnachmittag (23.09.2026) live im Klassenzimmer spürbar: Im Deutschunterricht von Matthias Böhni besuchte die Anthropologin, Filmemacherin und Ausstellungs-Kuratorin Rahel Grunder die Klasse 6b.

Anlass des Besuchs war die im Unterricht behandelte Lektüre Die Wachsflügelfrau der Schweizer Autorin Eveline Hasler. In dieser wird die Tragödie und Lebensgeschichte der Emilie Kempin-Spyri erzählt, der Frau, in deren Fahrtwind viele Frauen nach ihr segeln konnten. Emilie Kempin-Spyri war die erste – promovierte – Juristin der Schweiz, wurde aber nie als Anwältin zugelassen. Der Grund ebenso fadenscheinig wie quatschsinnig: Sie ist kein Mann.  

Lockeres Beisammensein. Gelächter. Andächtiges Schweigen. Fragen-Hagel. Die Filmemacherin ist für jedes Fragezeichen aus dem Plenum offen. Die starren Unterrichtsformalitäten sind aufgehoben: Alle Tische wurden an die Wände des Klassenzimmers geschoben, ein Stuhlkreis gebildet. Grunder erzählt lebhaft und mitreissend, ihre Stimme überschlägt sich an manchen Stellen schier vor Begeisterung. 2016 wurde ihr Dokumentarfilm «Emilie Kempin-Spyri – Europas erste Juristin», mit Spielfilmelementen ergänzt, dem Publikum zugänglich gemacht. Haslers Roman galt für Grunder als Ausgangs- und Anhaltspunkt. Mit einem Budget von rund 300'000 Franken und einem fünfköpfigen Team entstand der Film innert zwei Jahren.

Im Alter von sechs Jahren hatte Rahel Grunder den ersten langfristig nachhaltigen Kontakt mit dem Film, als sie selber vor der Kamera stand. Erst schwebte der Traum eines glamourösen Lebens als Schauspielerin im Raum, bevor sich spätestens im Gymi bei der Theatergruppe herauskristallisierte, dass sie lieber die Drehbücher umschrieb und Regie führte. Statt sich voll auf das Lernen für die Matur zu konzentrieren, schrieb sie parallel an einem Drehbuch. Sie studierte Anthropologie, in den Nebenfächern Film- und Kunstgeschichte.

Ihr Spektrum ist breit: Für die Serie Mad Men wirkte sie bei der historischen Recherche mit. Für das Hilfswerk HEKS dreht sie jedes Jahr einen Dokumentarfilm in Krisengebieten: Uganda, Ukraine als Beispiel. Spielfilme, Dokumentarfilme und Serien sind ihr Element.

Weshalb einen 50-minütigen Film über Emilie Kempin-Spyri? Den Namen Spyri mag man bisher schon mal gehört haben, jedoch wahrscheinlich in andrem Zusammenhang: Emilies Tante, Johanna Spyri, schrieb den Schweizer Kinderbuchklassiker Heidi. Emilie habe Grunder beeindruckt. Eine «Stehauffrau» sei sie gewesen, um Eveline Hasler zu zitieren. 

Rahel Grunder übt ihren Beruf voller Leidenschaft aus. Das spürt man. Nicht nur an der Art, wie sie erzählt, sondern auch, was sie sagt: «Man muss etwas machen, wozu man auch noch gerne am Abend oder Wochenende hinsitzt und sich nicht dazu hinprügeln muss.»

Foto und Text: Valentina von Krauland, 6b