Gegen das «kognitive Offloaden»

KI-Experte Severin Brunold erläuterte an einer KUE-Weiterbildung, warum man Maturaarbeiten in Zeiten von KI neu denken muss.

Severin Brunold.

«Die grosse Gefahr von Künstlicher Intelligenz ist das kognitive Offloaden», so der Geografielehrer und KI-Experte Severin Brunold am letzten Donnerstag an der KUE. Die Schüler:innen könnten nämlich das Denken an KI delegieren und es so vermeiden. «Das Gehirn», so Brunold, «ist aber wie ein Muskel, es muss trainiert werden, sonst verkümmert es. Und die KI ist eine Riesenkonkurrenz für das Gehirn.»

Deshalb sei der erste Schritt bei der Maturaarbeit (und auch bei anderen Arbeiten), dass man ohne KI selbst nachdenke – mit Papier und Stift. Das sei zwar anstrengend, «aber lernen braucht Zeit, es kann nicht abgekürzt werden», so Brunold.

Erst nach dem Aufschreiben der eigenen Ideen könne KI reflektiert ins Spiel kommen. Zum Beispiel, indem KI die Ideen beurteile oder ergänze. Oder indem man mit der KI darüber disktuiere. Von der KI vorgeschlagene Fachliteratur, die man verwenden wolle, müsse aber zwingend selbst gelesen werden – «nur so weiss man wirklich, was drinsteht und ob die KI korrekt zitiert hat.»

Er plädierte grundsätzlich für ein Phasenmodell, bei dem analoge und digitale Sequenzen abwechseln. «Wenn man nur digital arbeitet, ist die Ablenkung zu gross, wenn man nur analog arbeitet, bereitet man die Schüler:innen nicht auf die Gesellschaft vor», sagte Brunold, der auch den «Kompass» verfasst hat, ein Grundlagenbuch zur Maturarbeit für Maturand:innen, das an der KUE an alle fünften Klassen abgegeben wird. 

Mehrdimensionale Leistungsnachweise, insbesondere auch mündliche, sind gemäss Brunold ebenfalls wichtig: Das könne ein Fachgespräch sein («Verteidigung») oder auch, wie an der Weiterbildung ins Spiel gebracht, eine Art Konferenz mit mehreren Betreuer:innen und Schüler:innen.

«Auch wäre der Fokus bei Maturarbeiten stärker auf den Prozess zu setzen», so Brunold weiter. Um den Prozess zu dokumentieren, sollten die Schüler:innen kein tabellarisches Arbeitsjournal mehr verfassen, sondern eigenständige Lernberichte, in denen auch die Verwendung von KI ausgewiesen wird. Weniger wichtig sei dagegen der Theorieteil, den KI sehr gut liefern und bei der man auf eine Benotung verzichten könne (System «pass/fail»). Von reinen Literaturarbeiten ohne Praxisteil rät Brunold grundsätzlich ab.

Nach dem unterhaltsam präsentierten Input von Severin Bunold teilten sich die KUE-Lehrpersonen in Gruppen auf und diskutieren ausgewählte Aspekte des Themas. Änderungen gibt es an der KUE bereits bei den kommenden Maturaarbeiten: Neu wird es bei allen ein Fachgespräch geben. Es wird kaum die letzte Änderung sein.