Ausgang aus der Unmündigkeit

An der KUE oder den Olympischen Spielen: Nora lebt. Warum das so ist, lesen Sie im aktuellen Wochenbrief.

Nora lebt: Alysa Liu (Foto-Credit siehe Ende des Artikels).

Oft lese ich mit Klassen den Emanzipationsklassiker «Nora oder Ein Puppenheim» von Henrik Ibsen. Das 1879 veröffentlichte, naturalistische Drama kommt bei den Schüler:innen in der Regel recht gut an. Man versteht Sprache und Inhalt ohne grössere Probleme. Nora, das «Singvögelchen» und «Eichhörnchen», wie sie ihr Gatte herablassend nennt, befreit sich aus dem lächerlichen Puppenheim, das das Patriarchat für sie vorgesehen hat.

Nach schwerem inneren Kampf zwingt sie den Gatten zum Showdown: «Dies ist eine Abrechnung… Wir sind nun acht Jahre verheiratet. Fällt es dir nicht auf, dass wir beide, du und ich, heute zum ersten Mal ernst miteinander reden?» Und: «Ich muss mich selbst zu erziehen suchen. Dabei kannst du mir nicht helfen. Ich muss mich allein damit befassen. Und darum verlass ich dich jetzt.» Es ist Kants Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Noras Sätze sind aufklärerisch, betonen Autonomie, unveräusserliche Rechte und Bildung. Sie können autoritäre Systeme zum Einsturz bringen, damals wie heute. Das Stück endet mit dröhnendem Türenzuschlagen, dem wohl berühmtesten der Theatergeschichte. Nora geht.

Oft bin ich dann auch erfreut, wie die Klassen diese legendäre Szene spielen. Es ist acht Uhr morgens, eine fünfte Klasse hat sich gerade mit Mühe ins Zimmer gewälzt, verschlafene Gesichter, Gähnen. Eine Gruppe führt nun die bereits eingeübte Szene auf, diskret unterstützt von Souffleusen. Zwei Schülerinnen spielen Nora und den Mansplainer-Gatten in Gestik und Mimik sehr überzeugend – plötzlich ist die Schule weg, man vergisst das Gähnen und verfolgt gebannt den epochalen Aufbruch. Und als Sahnehäubchen slamt dann eine Schülerin in Jugendsprache einen Nora-Monolog hinterher. Nora bebt.

In den Sportferien habe ich zufälligerweise die Olympia-Goldkür der US-Eiskunstläuferin Alysa Liu gesehen und war begeistert, und auch das Stadion in Mailand war elektrisiert. Liu läuft exzellent, aber frei, ohne Druck, niemand sagt ihr, was sie zu tun oder welche Frisur oder Kleider sie zu tragen hat (an anderer Stelle wurde hier bereits in einem Wochenbrief über Exzellenz ohne Schattenseiten geschrieben).

Später habe ich erfahren: Liu war als Kind und Jugendliche auch so ein «Singvögelchen», das unter dem Drill des Vaters ein Eiskunstlaufstar hätte werden sollen. Aber sie zog sich mit 16 zurück, musste sich emanzipieren und zuerst herausfinden, wer sie ist. Sie hat sich ein eigenes Leben erschaffen, mit Reisen, Reden, Feiern, Studieren. Ein ganz normaler Teenager. Und sie kam als sie selbst zum Eiskunstlauf zurück. Und wie. Nora lebt.

Matthias Böhni, Deutschlehrer an der KUE

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Foto (geschnitten): Asatur Yesayants / YantsImages
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alysa_LIUAsatur_Yesayants_-_YantsImages_8309_(cropped).jpg