Die Ferien sind nicht einfach Ferien, weder für die Schüler:innen noch für die Lehrpersonen. Vor einem Jahr, ebenfalls zum Auftakt des Quartals, habe ich darüber geschrieben. Darüber, wer alles woran arbeitete und warum man von Ferien als «unterrichtsfreier Zeit» spricht. Hier möchte ich das Ende der «Ferien» zum Anlass nehmen, ein grundsätzliches Problem daran aufzuzeigen. Es betrifft sowohl die Belastungsfrage als auch die Schulentwicklung generell, junge Schulen wie die KUE vielleicht besonders.
Die Anstellung von Mittelschullehrpersonen ist über die Anzahl Lektionen definiert, die sie für ihr Pensum unterrichten müssen. Das sind im Kanton Zürich für die meisten Fächer bei einer 100%-Anstellung 23 Lektionen. Für Sport und die musischen Fächer ist das entsprechende Pensum gut 10% höher. «Lektionen» meint zunächst die Lektionen, die man die Klassen unterrichtet. Dann aber eine ganze Menge darüber hinaus, vor allem die Vor- und Nachbereitung und die Zeit, die man mit den Korrekturen von Leistungsnachweisen verbringt. Eingerechnet sind auch die unterschiedlichsten Gespräche, mit Schüler:innen und Eltern oder mit Kolleg:innen im Rahmen von Absprachen und fachlichem Austausch. Inbegriffen sind auch die Teilnahme an Aufnahme- und Abschlussprüfungen und an gemeinsamen Veranstaltungen wie Konventen und Notenkonferenzen und – das Engagement, das man über die erwähnten Aufgaben hinaus für die Schule zu leisten hat, etwa im Rahmen von Schulentwicklungsprojekten. Die Berechnung wird dadurch erschwert, dass acht der 13 Wochen Schul«ferien» ebenfalls berücksichtigt werden müssen.
Angesicht der stärkeren Individualisierung des Unterrichts, wozu auch die Begleitung von Schüler:innen gehört, die besondere Aufmerksamkeit verlangen, und aufgrund der Ausweitung des Aufgabenbereichs, ist das Pflichtpensum zu hoch angesetzt. Das ist in meiner Einschätzung weitgehender Konsens sowohl unter Lehrpersonen als auch Schulleiter:innen und wurde auch immer wieder in Studien zu den berufsspezifischen Belastungen von Lehrpersonen festgestellt – zum ersten Mal für die Schweiz vor 25 Jahren in der sog. «Forneck-Studie». Auch in der ersten externen Evaluation der KUE vor gut einem Jahr war das ein wichtiges Thema.
Man fordert also schon lange mit guten Gründen, dass die Pflichtstundenzahl gesenkt werden müsste – etwa auf 21 Lektionen. Das hätte einen gewissen Effekt für jemanden mit einem 2-Lektionen-Fach; er wäre dann für zehn und nicht für elf Klassen zuständig. Man ahnt aber gleichzeitig auch, dass diese Art von Reduktion nicht in der gewünschten Art und Weise spürbar wäre.
Man müsste deshalb vielmehr überlegen, die Arbeit der Lehrpersonen ganz anders zu definieren, nämlich losgelöst von den zu unterrichtenden Lektionen, nämlich über Präsenz, Projekte und den realen Aufwand wie in anderen Berufen auch. Aktuell ist die Währung, in der die Arbeit gemessen und entschädigt wird, an die Lektion als Einheit gekoppelt. Auch organisatorische Arbeiten wie das Erstellen des Stundenplans oder die Durchführung der Maturprüfungen, wichtige Funktionen wie die Leitung einer Fachschaft oder einer Kommission oder konzeptionelle Aufgaben wie das Mitwirken bei Schulentwicklungsprojekten werden in dieser Währung ausgedrückt. Das ist eine äusserst umständliche Verrechnungseinheit, die wohl auf die Zeit zurückgeht, als die Arbeitsbelastung der Lehrer von der Unterrichtslektion her definiert war, weil Lehrersein vor allem darin bestand zu unterrichten. Wenn Lehrpersonen vom «Kerngeschäft» sprechen, dann meinen sie die Lektionen, in denen sie mit den Schüler:innen zusammen sind, und kritisieren, dass immer mehr Aufgabenbereiche – oft ohne Entschädigung – dazugekommen sind.
Jenseits der technisch-buchhalterischen Schwierigkeiten ist das System immer weniger überzeugend, weil sich die Berufsrealitäten verschieben. Weil die Zeit für die Zusammenarbeit zunimmt, eine intensivere individuellere Betreuung ausserhalb der Lektionen nötig wird, sich das Rollenverständnisses hin zu Coaching-Aufgaben erweitert und weil die Mitarbeit in Schulentwicklungsprojekten immer umfangreicher wird – aktuell etwa bei der Frage, wie der Unterricht auf die Präsenz von KI reagieren soll, oder bei der Umsetzung der neuen Maturitätsvorgaben (WegZH). Ein System, das diese diversen neuen Aufgaben über Entschädigungen in Lektionenbruchteilen abrechnet, führt die Währung des Kerngeschäfts von den Rändern her ad absurdum.
Ein System, das von den «Lektionen» her konzipiert ist, legt den Lehrpersonen nahe, ihre Arbeit von den Unterrichtslektionen her zu verstehen. Die Arbeit über Präsenz, Projekte und Zeitaufwand zu entlöhnen, müsste nicht unbedingt mehr kosten. Die anfallende Arbeit würde aber besser verteilt und gerechter berechnet werden können – und das wäre nicht nur eine Erschöpfungsprävention, sondern käme letztlich auch den Schülerinnen und Schülern zugute.
Jürg Berthold
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