Maturitätsarbeit und KI

Die Maturitätsarbeit soll auch in Zeiten von KI ein wichtiger Teil der gymnasialen Bildung sein. Ein Bericht zu den Massnahmen im Wochenbrief.

Alles war extrem sportlich: In der letzten Woche des Herbstsemesters und nach eineinhalb Tagen Notenkonferenzen fand im Februar eine KUE-interne Weiterbildung zum Thema «Maturitätsarbeiten und KI» statt. Severin Brunold, Autor vom Kompass, den alle KUE-Schüler:innen als Leitfaden benutzen, gab Anstösse, über die das Kollegium dann diskutierte. Auf der KUE-Webseite wurde darüber berichtet.

Im Anschluss haben Orlando Caduff, zuständig für das Maturjahr, und die KI-Arbeitsgruppe die Gedanken aus den Workshops umgehend in eine Erweiterung des Reglements gegossen, so dass am Gesamtkonvent in der ersten Woche des Frühlingssemsters die Anpassungen bereits diskutiert und gutgeheissen werden konnten. Auf diese Weise haben wir nun für die Maturitätsarbeiten des aktuellen Jahrgangs 2026/27 eine Grundlage, die den rasanten Entwicklungen im Bereich der KI besser Rechnung trägt. Es ist zwar erst der vierte Maturjahrgang, seit ChatGPT im November 2022 für die Öffentlichkeit zugänglich wurde, seither ist aber nichts mehr, wie es einmal war. Klar ist, dass es neue Entwicklungswellen kommen werden und dass es insofern nicht die letzte Anpassung der Wegleitung gewesen sein wird.

Die Änderungen erfinden das Rad nicht neu, nehmen aber an zentralen Stellen Justierungen vor. Sie legen einen Fokus auf den Prozess und stärken die Mündlichkeit – beides Momente, wo die Unterstützung durch KI weniger möglich ist. Konkret bedeutet dies: Während des Arbeitsprozesses gibt es neu neben den üblichen Coaching-Treffen zweimalig eine inhaltliche – benotete – Diskussion über das Themenfeld der Arbeit. Basis dafür sind eine Auswahl aus der erarbeiteten Literatur und ein vorgängig erstelltes Handout. Diese Diskussionen können als Einzelgespräche oder als Gruppenkolloquium organisiert werden. Dieses Setting soll schon vor Ende der Arbeit eine höhere Eigenständigkeit sicherstellen. Besonders die Form des Kolloquium halten wir für attraktiv: Sie soll darüber hinaus den Austausch über die Arbeiten zwischen verschiedenen Schüler:innen, deren Arbeit in einem ähnlichen Gebiet angesiedelt ist, intensivieren. Die Noten der beiden Gespräche sind Teil der Prozessbeurteilung.

Auf der gleichen Ebene angesiedelt ist das sog. Fachgespräch nach Abgabe der fertigen Arbeit. Dieses wird von der Betreuungsperson zusammen mit der Korreferentin durchgeführt, dauert eine knappe halbe Stunde und wird ebenfalls benotet. Die Bewertung fliesst zu einem definierten Anteil in die Produktnote ein. Im Reglement heisst es dazu: «Das Fachgespräch dient dazu, die im Prozess der Maturitätsarbeit erworbene Expertise im Kontext einer Diskussion unter Fachleuten sichtbar zu machen.» Anders als bei der öffentlichen Präsentation, bei der es um andere Kompetenzen geht, soll dieser Kontext es ermöglichen, «das Tiefenverständnis durch Fragen zu prüfen.»

Ein dritte Änderung betrifft den Nachweis der Verwendung von KI und die eigene Reflexion darauf. Die Schüler:innen sind neu angehalten, die Verwendung noch detaillierter zu dokumentieren, also nicht nur benutzte KI-Tools aufzulisten, sondern auch Angaben zu Art und Zwecke dieser Verwendung zu machen, wie sie in der Contributor Role of Taxonomy festgehalten sind. Viel versprechen wir uns von der zusätzlich verlangten Reflexion, in der die Rolle von KI in Bezug auf den Arbeitsprozess möglichst differenziert thematisiert werden soll.

Die Schwierigkeiten, die man auch schon vor KI beim Verfassen einer grösseren Arbeit hatte, sind ja nicht einfach verschwunden. Deshalb konnten die Schüler:innen der 5. Klassen in der Frühlingsthemenwoche während der ZAP eine Reihe von massgeschneiderten Modulen besuchen, die sie für die Ausrichtung ihrer Arbeit als hilfreich erachteten. Es gab Einführungen in Interviewtechnik und Statistik oder in diverse Programme wie LaTeX, InDesign und in anspruchsvollere Verwendungen von Word. Es gab Recherchemodule und Einführungen in die Zentralbibliothek. Auf diese Weise erhielten die Schüler:innen über die Unterstützung durch die eigene Betreuungsperson hinaus Hilfestellungen für ihre spezifischen Projekte. Wer das Angebot nutzte, konnte in der Woche sehr viel profitieren oder, wie eine Schülerin letzte Woche meinte: «Ich habe sechs Module gebucht und konnte in allen sehr viel mitnehmen. Toll, dass dieses Angebot besteht.»

Den Schüler:innen, die sich nun an die Arbeit gemacht haben, wünsche ich inspirierende Ideen, Durchhaltewillen und Biss – und vor allem aber auch Freude, sich im kommenden halben Jahr in ihr Thema vertiefen zu können. Ich bin zuversichtlich, dass im Herbst neben der Erleichterung, das Projekt abgegeben zu haben, Befriedigung und Stolz vorherrschen werden – gerade auch, wenn sie KI dosiert und reflektiert eingesetzt haben.  

Jürg Berthold

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