Einen besonderen Gedankenanstoss zu diesem Thema gab uns Michael Räber, Philosophielehrer an der KUE, mit seinem Vortrag zum Schuljahresbeginn im Kollegium: «Autoritarismus lebt von Ohnmacht, Demokratie von Erfahrung. Zur Krise gemeinsamer Handlungsfähigkeit.»
Demokratie ist für viele zunächst die «Herrschaft des Volkes». Sie beruht darauf, dass die Bürgerinnen und Bürger das Recht haben, sich politisch zu beteiligen. Demokratie bedeutet jedoch noch mehr. Der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey prägte vor rund 100 Jahren den Begriff der «Demokratie als Lebensform». Damit meinte er, dass Demokratie nicht nur ein politisches System, sondern auch eine Form des alltäglichen Zusammenlebens ist.
Für Dewey zeigt sich Demokratie darin, wie Menschen miteinander umgehen, ob sie Verantwortung übernehmen und gemeinsam Entscheidungen treffen. Dazu gehört auch, unterschiedliche Meinungen auszuhalten, einander zuzuhören und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, anstatt Konflikte durch Macht und Ausgrenzung zu entscheiden. Demokratie ist somit nicht nur etwas, das politisch organisiert wird, sondern etwas, das Menschen im Alltag gemeinsam erfahren und gestalten. Entscheidend ist dabei, dass Demokratie nicht allein rational verstanden, sondern auch emotional und unmittelbar erlebt wird. Menschen müssen erfahren können, dass ihre Stimme gehört wird, dass sie dazugehören und dass sie gemeinsam mit anderen etwas bewirken können. Demokratie als geteilte Erfahrung.
Gerade für eine Schule ist dieses Verständnis von Demokratie bedeutsam. Demokratie zeigt sich im alltäglichen Miteinander: im fairen und respektvollen Umgang miteinander, in der Anerkennung der gleichen Würde aller Menschen, in Möglichkeiten zur Mitbestimmung und in der Bereitschaft, anderen zuzuhören.
Viele dieser Prinzipien und Grundsätze haben wir in unserem Leitbild, dem Kodex und der KUE-Charta festgehalten. Der Kodex beschreibt, wie wir miteinander umgehen wollen. Und im Leitbild heisst es beispielsweise: «Der Lebensraum Schule ist ein gemeinsames Projekt aller», was unter anderem bedeutet, dass sich Schülerinnen und Schüler bei der Planung von Unterrichtsprojekten einbringen können.
Ein konkretes Beispiel dafür ist die Themenwoche Winter. In der ersten Dezemberwoche beschäftigen sich die 1. bis 5. Klassen mit einem gemeinsamen Thema, das aus verschiedenen fachlichen Perspektiven beleuchtet wird. Bei der Themenfindung wird die Schülerschaft bewusst einbezogen. Eine Gruppe von Fünftklässlerinnen und Fünftklässlern entwickelt gemeinsam mit zwei bis drei Lehrpersonen ein paar Themenvorschläge. Anschliessend stimmt die gesamte KUE darüber ab, welches Thema die Themenwoche bestimmt.
Auch in vielen anderen Situationen bietet der Schulalltag Gelegenheit, Demokratie zu erleben: wenn eine Klasse gemeinsam den Ort für eine Exkursion festlegt, wenn unterschiedliche Standpunkte diskutiert werden, wenn Konflikte geklärt werden müssen oder wenn Schülerinnen und Schüler Verantwortung übernehmen, indem sie den Weihnachtsball organisieren oder ihre KUE gives back Projekte umsetzen.
Das obige Bild zeigt den letzten Schultag des Jahres 2023 mit dem inzwischen zur Tradition gewordenen Spalier für die Maturandinnen und Maturanden. Die gesamte Schulgemeinschaft versammelt sich auf dem Pausenplatz, um die Jugendlichen gebührend zu feiern und sie aus der Schulgemeinschaft zu verabschieden. Ich wünsche allen Schülerinnen und Schülern – den neuen wie auch den bisherigen –, dass sie, wenn sie dereinst durch unser Spalier gehen, auf Erfahrungen der Zugehörigkeit, der Teilhabe und der Selbstwirksamkeit zurückblicken können.
Karin Hunkeler
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