Letzte Woche fanden mündlichen Maturaprüfungen statt. Man spürte die konzentrierte Stimmung im Haus, die Anspannung beim Warten, die Erleichterung nach den Prüfungsgesprächen. Wer schon mal mündliche Prüfungen abgenommen hat, weiss, wie beglückend solche Gespräche sein können – gerade, wenn die Schüler:innen über sich hinauswachsen und aus dem Vollen schöpfen. Und wie lang und enttäuschend 15 Minuten sein können, wenn es nicht läuft.
Bis vor einigen Jahren waren mündliche Maturprüfungen für die meisten Schüler:innen noch eine Premiere. Mittlerweile hat sich das wegen KI deutlich geändert. Das war auch schon einmal Thema in Überlegungen zur Neuen Mündlichkeit. Diese Prüfungsform ist aber nicht nur eine Antwort auf die Herausforderungen der KI bei schriftlichen Arbeiten. Sie nimmt auch die Probleme ernst, die entstehen, wenn man die mündliche Leistung – die bei der Notengebung einbezogen werden muss – nur als Note für die «Beteiligung im Unterricht» versteht. Auch darüber haben wir hier schon geschrieben und ein Plädoyer für eine Vielfalt an Mündlichkeit formuliert.
Überlegungen, die für eine differenzierte Beurteilung des Mündlichen sprechen, möchte ich hier nun aber kontrastieren mit einer Bemerkung des Philosophen Jürgen Habermas. Anlässlich von Habermas’ Tod im März dieses Jahres fand an der KUE ein sog. ThemenTreff zu seinem Werk statt. Als eine kleine Gruppe von interessierten Schüler:innen und Lehrpersonen trafen wir uns ein paar Mal, um uns mit den Gedanken von Habermas auseinanderzusetzen. Im Zentrum stand eine leicht zugängliche Rede aus dem Jahr 2004. Anlässlich der Verleihung des Preises von Kyoto ging Habermas der Frage nach, welche lebensgeschichtlichen Erfahrungen sein Denken geprägt haben. Dabei formuliert er die Vermutung, dass seine angeborene Lippen-Kiefer-Gaumenspalte eine Rolle gespielt haben könnte – etwa weil er in der Schule geplagt wurde oder weil er Mühe im mündlichen Ausdruck hat. Dabei formuliert er folgende Feststellung: «Die Sprachbehinderung mag übrigens auch erklären, warum ich zeit meines Lebens von der Überlegenheit des geschriebenen Wortes überzeugt war … Meine Studenten habe ich eher nach ihren schriftlichen Arbeiten als nach der noch so intelligenten Beteiligung an Seminardiskussionen beurteilt.»
Was Habermas hier mit Blick auf die eigene Biografie formuliert, mag uns ein warnender Hinweis sein. Was er «die Überlegenheit des geschriebenen Wortes» nennt, hat damit zu tun, dass die Sprache als Präzisionsinstrument dort anders wirkt. In der mündlichen Rede spielen Faktoren eine Rolle, die wenig mit dem Gehalt des Gesagten zu tun haben und die den Wert von Überlegungen verzerren. Wir alle kennen das Phänomen und reagieren genervt auf einen «Schorri». Im geschriebenen Text steht demgegenüber schwarz auf weiss, was Sache ist. Man kann darauf behaftet werden und muss geradestehen für das, was man geschrieben hat. Deshalb kann es kein Ausweg aus den Problemen mit KI sein, alle Kompetenznachweise ins Mündliche zu verlagern.
Was Habermas «die Überlegenheit des geschriebenen Wortes» nennt, muss ein zentraler Orientierungspunkt von Bildung bleiben – bei aller Förderung der Mündlichkeit. Der Deutschmaturaufsatz, wie er aktuell an der KUE umgesetzt wurde, trägt diesem Umstand Rechnung: Ohne angesichts der Herausforderungen von KI zu resignieren und ohne mit blossen Restriktionen zu reagieren, wird am selbstständig produzierten schriftlichen Text als Kern der Leistung beibehalten. Eine erste Auswertung findet man hier.
Jürg Berthold
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